Daniel Hager, Vorstandsvorsitzender der Hager SE
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Hollandes Signale sind beunruhigend

Daniel Hager, Vorstandsvorsitzender der Hager SE


Frankreichs Präsident François Hollande regiert fast ein Jahr lang. Warum hat er die Lage der Unternehmen so einschneidend verändert?

Daniel Hager: Seine Signale sind beunruhigend für Unternehmer, und wenn man davon ausgeht, dass die Wirtschaft zu 50 Prozent Psychologie ist, dann sind das leider nicht die besten Voraussetzungen.


Was ist schädlich an seiner Politik?

Hager: Unser Geschäft läuft, wenn gebaut wird. Beim Bau benötigen Sie Planungssicherheit. Wenn Sie nicht wissen, wie Sie in Zukunft besteuert werden, wenn Sie nicht wissen, welche Investitionsanreize es noch geben und wie sich die Konjunktur entwickeln wird, dann lähmt dies die Entscheidungen. Das ist bedauerlich, weil es in Frankreich eigentlich einen hohen Bedarf an sozialem Wohnungsbau und energetischer Sanierung gäbe.


Die französische Regierung überlegt Werksschließungen per Gesetz zu verbieten.

Hager: In der Nationalversammlung werden viele Gesetze gemacht, aber viele erhalten nie ihr Anwendungsdekret. Es gibt viel Aktionismus. Das ist auch ein Teil unserer Problematik. Gesetze sind das eine, die Realität in Frankreich ist oft eine andere. Ein Beispiel: Das französische Arbeitsgesetzbuch ist drei Mal so dick wie das deutsche. Wenn Sie ein ordentliches Verhältnis zu der Belegschaft haben, schaut dort keiner so genau hinein. Gerät ein Unternehmer aber in Konflikt mit seinen Leuten und hat auch noch den kommunistischen Ableger der Gewerkschaften im Haus, dann wird es unheimlich schwer, einen Arbeiter von einer Maschine zur anderen zu bewegen.


Wie reagieren Unternehmer auf diese Unsicherheit?

Hager: Viele scheuen die Öffentlichkeit, weil sie Repressalien fürchten. Eigentlich wollen sie ihr Geschäft betreiben und dass ihre Unternehmen wachsen. Viele fragen sich jetzt besorgt, welche Stellung ihnen noch in der Gesellschaft bleibt.


Der Abschied des französischen Mimen Gerard Depardieu von seinem Land fand internationale Beachtung. Gibt es so etwas wie einen Depardieu-Virus?

Hager: Der Abzug der Leistungsträger ist leider eine Realität. Viele Unternehmer und Wohlhabende verlassen Frankreich oder denken zumindest ernsthaft darüber nach. Umgekehrt kenne ich viele, die größte Schwierigkeiten haben, Führungskräfte nach Frankreich zu holen. Das Bild von Frankreich ist verzerrt, denn wir haben immer noch eine hoch qualifizierte Arbeitnehmerschaft und eine gute Infrastruktur. Aber die Regierung hilft nicht, Befürchtungen abzubauen.


Wovor haben die gesuchten Talente Angst?

Hager: Ich rede nicht von Managern mit einem Einkommen von einer Million Euro im Jahr, das mit 75 Prozent besteuert werden sollte. Aber auch ein Abteilungschef fragt sich, ob nicht die Steuern auf sein viel niedrigeres Gehalt eines Tages explodieren. Das Gesetz mit der 75-prozentigen Besteuerung ist übrigens als verfassungswidrig gestoppt. Ein Amerikaner oder Engländer, der in Paris arbeiten soll, setzt sich nicht im Detail mit der französischen Gesetzgebung auseinander. Aber er hat vielleicht den Eindruck gewonnen, dass Unternehmer und Leistungsträger an den Pranger gestellt werden. Es ist dieses negative Klima, das so sehr schadet.


Wie stellen Sie sich mit Ihrem Unternehmen auf die Situation ein?

Hager: Unsere französischen Werke vertreiben Ihre Produkte auf den Weltmärkten und deshalb verzeichnen wir bisher keine Umsatzeinbrüche. Außerdem sind wir in der komfortablen Situation für ein Familienunternehmen, dass wir langfristig planen können. Aber es gibt Irritationen: Letzten Herbst kam es zu einem großen Streik in einem Werk bei Grenoble, bei dem 30 Leute der kommunistischen Gewerkschaft CGT ein Werk von 450 Mitarbeitern 19 Tage lahm gelegt haben. Das hat keinen direkten Einfluss, aber mittelfristig macht man sich bei Investitionsentscheidungen schon seine Gedanken. Nichtsdestotrotz investieren wir aktuell 20 Millionen Euro in ein neues Schulungs-, Besuchs- und Entwicklungszentrum an unserem größten Standort Obernai im Elsass.


Was könnten Unternehmer in Deutschland aus den Erfahrungen in Frankreich lernen?

Hager: Wenig. Die beiden Länder sind in ihrem politischen Aufbau höchst verschieden. Ein Lokalpolitiker versteht sehr wohl die Wichtigkeit der Unternehmen in seinem Ort. In Deutschland bekommt er über den Föderalismus Einfluss auf die Entscheidungsfindung für die ganze Republik. In Frankreich sitzt die Macht in Paris, da müssen Sie als Unternehmer viel Zeit in der Hauptstadt verbringen, um Gehör zu finden.


Haben sich die französischen Unternehmer zu selten zu Wort gemeldet?

Hager: Lobbyarbeit bringt dort nicht sehr viel, weil die Gesetze in Frankreich von oben durchgedrückt werden. Die französischen Wirtschaftsverbände sind aber auch nicht so straff organisiert. In Deutschland wird ein viel intensiverer Dialog geführt, auch über die Parteien. Das mag ja den Nachteil haben, dass die Entscheidungen in Deutschland etwas länger dauern. In Frankreich ist das anders, da fällt die Regierung ihren Beschluss und erst dann wird diskutiert. Die Franzosen sind zunächst schneller, verlieren aber wieder Zeit in der Umsetzung.


Daniel Hager, 41, ist der Vorstandsvorsitzende der Hager SE, Blieskastel (Saarland). Der Spezialist für Elektro­technik im Wohn- und Gewerbebau erwirtschaftete vergangenes Jahr einen Umsatz von 1,6 Milliarden Euro, ein Fünftel davon in Frankreich. Die Firma zählt 11.400 Beschäftigte weltweit (in Frankreich 3.500).
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