Dr. Ulrich Bertold Stoll, Stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats der Festo AG & Co. KG
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Duale Ausbildung im Zeitalter der Digitalisierung

Dr. Ulrich Bertold Stoll, Stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats der Festo AG & Co. KG

Die duale Ausbildung hat sich in Deutschland über Jahrzehnte zu einem Erfolgsmodell entwickelt und ist als Exportschlager auch in vielen anderen Ländern Benchmark für die Ausgestaltung des eigenen Bildungsangebots. Erfolgsbestimmend war stets die intensive Kopplung zwischen Bildungsträgern und den ausbildenden Unternehmen als Impulsgebern. So konnten sich verändernde Anforderungen an die Qualifikation auf Unternehmensseite evolutionär auf Seite der Berufsschulen angepasst werden. Das ging über Jahrzehnte gut.

Angesichts digitaler Technologien stehen wir heute jedoch am Anfang einer tiefgreifenden Neuordnung von Arbeitswelten und Unternehmenslandschaft. Innovationszyklen werden schneller und Produkte immer individueller auf Kundenwünsche abgestimmt. Flexibilität und schnelle Anpassungsfähigkeit gewinnen an Bedeutung. Daten und daraus abgeleitetes Wissen werden zur Ressource der Zukunft.

Konsequenzen für die Ausbildung

Die entscheidende Frage wird sein, ob die duale Ausbildung diesen rasanten technologischen Wandel durch die Digitalisierung schnell genug nachvollziehen kann. Für mich persönlich hat diese Form der praxisnahen Ausbildung weiterhin nicht nur einen hohen Stellenwert, sondern ist, angepasst an die digitale Welt, sogar wichtiger denn je.

Doch welche Konsequenzen ergeben sich aus der Digitalisierung auf die Berufsbilder? Dazu sind die Bildungsträger und Berufsschulen auch auf die Impulse der Unternehmen aus Industrie, Handwerk und Dienstleistung angewiesen. Interdisziplinäres Denken und Handeln, IT- und Medienkompetenz, aber auch Fähigkeiten zum Umgang mit Maschinen und vernetzten Systemen gewinnen an Bedeutung. Diese werden künftig in nahezu allen Berufen gebraucht, ihre Vermittlung muss daher noch stärker in die Ausbildung integriert werden. Dazu müssen Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrpläne reformiert werden.

Sicher werden einige Berufe an Bedeutung verlieren oder gar verschwinden. Dem stehen neuartige Professionen oder solche, die mehrere traditionelle Berufsbilder vereinen werden, gegenüber. In der Industrie werden zum Beispiel die modernen Berufe wie Fachinformatiker, Mediengestalter, Mechatroniker und Systemelektroniker weiter an Bedeutung gewinnen.

Gleichzeitig wird der berufsqualifizierende Abschluss immer mehr nur der Startpunkt sein. Die mit der Digitalisierung einhergehende Beschleunigung der technologischen Prozesse werden ein lebenslanges Lernen und eine individuelle Employability in den nächsten Dekaden überlebenswichtig machen. Diesem Umstand sollte bereits heute verantwortungsvoll Rechnung getragen werden. So ist es zu überlegen, wie das Konzept des lebenslangen Lernens auch in eine duale (Weiter-)Bildung integriert werden kann. Die Antwort auf diese Frage ist für mich persönlich kein Ob, sondern vielmehr das Wie. Beispielsweise könnte dies durch neuartige (Zusatz-)Abschlüsse der Fall sein.

Chancen für Familienunternehmen

Ebenso bin ich persönlich fest davon überzeugt, dass gerade die deutschen Familienunternehmen die Digitalisierung als Treiber des Wandels als Chance begreifen und diese nutzen werden. Dazu brauchen wir in unseren Unternehmen in Zukunft mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die dank entsprechender Ausbildung den Bereich der digitalen Technologien abdecken können. In ihren neuen Arbeitswelten der Industrie 4.0 und Big Data werden diese Fachkräfte Innovationen entwickeln, Produkte schaffen, Datenschutz trotz Cloud sichern können und Infrastrukturen digital entwickeln und managen.

Die Anpassungen der dualen Ausbildung an dieses digitale Zeitalter befinden sich erst am Anfang. Dabei wird die Zukunftsfähigkeit von der Veränderungsbereitschaft aller Beteiligten abhängig sein. Die geforderte Agilität und Adaptivität der Industrie 4.0 wird nach meiner persönlichen Überzeugung erst durch die Bildung 4.0 ihren erfolgreichen Niederschlag in den Industrieunternehmen finden.

Festo hat sich beispielsweise mit seinem Plattformkonzept „Cyber Physical Factory“ als Lernfabriken für die Fabriken der Zukunft diesem Thema schon gestellt und bietet bereits Bildungsangebote auch für die duale Ausbildung. So können unsere Lernsysteme die reale Fertigung abbilden und tiefgehende Kenntnis im Aufbau und der Programmierung von digitalen Anlagen-Netzwerken vermitteln, aber auch die stetige Erneuerung der Trainingslösungen entsprechend der neuen Technologien anpassen.

Es liegt an uns Familienunternehmen, für die Chancen der Digitalisierung zu werben und auch die Menschen mitzunehmen, die den Veränderungen gegenüber noch kritisch eingestellt sind, d.h. wir müssen uns auch den Debatten um die digitale Bereitschaft von Menschen und Diskussionen über orts- und zeitunabhängiges Lernen stellen. Nur dann wird auch die duale Ausbildung im Zeitalter der Digitalisierung ihre Erfolgsgeschichte fortschreiben können und auch in Zukunft ein Exportschlager Deutschlands sein.


Festo ist ein unabhängiges, global führendes Familienunternehmen auf den Gebieten Industrieautomatisierung und technische Bildung. Sein ganzheitlicher Ansatz über Technologie, Innovation, Bildung und Wissen, verbunden mit seiner Lösungskompetenz und seinem Erfindergeist, verbessern die Produktivität der Kunden entlang ihrer Wertschöpfungsketten. Das Leistungsspektrum umfasst die gesamte Fabrik- und Prozessautomation, die Technische Aus- und Weiterbildung, die Beratung und den Betrieb von technischen Bildungseinrichtungen. Die Festo Gruppe erzielte 2014 mit rund 17.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit einen Umsatz von 2,45 Mrd. Euro.

Foto: © Dr. Ulrich Bertold Stoll

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