Friedhelm Loh, Inhaber der Friedhelm Loh Group
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Immer in der Versuchung. Was ich in Leitbildern der Unternehmensführung vermisse

Friedhelm Loh, Inhaber der Friedhelm Loh Group


Werte, Moral und Anstand sind heute ja äußerst beliebte Themen. Das gilt auch für die Wirtschaft. Die Unternehmenskultur ist sogar schon ein interessanter und lukrativer Markt geworden – ganze Horden von Beratern leben davon. Warum das alles?

Natürlich, weil es tatsächlich Missstände gibt, auch in der Wirtschaft und bei Unternehmen. Sie sind offensichtlich: ein mitunter skrupelloses Verhalten im Wettbewerb, bei dem man zunehmend über Leichen geht. Ein gieriger Staat, der sich in alle Lebensbereiche einmischt, ein zum Teil unflätiger Kapitalismus, Mobbing am Arbeitsplatz, unverantwortlicher Umgang mit Macht, Leben über die Verhältnisse. Es ist doch ein Trauerspiel, dass sich der Wert der Schwarzarbeit in Deutschland auf 350 Mrd. Euro beläuft. Es ist doch nicht zu fassen, dass wir in Arbeitszeugnisse nur noch Positives hineinschreiben dürfen, auch wenn der Mitarbeiter durch fahrlässiges Verhalten der Firma geschadet hat. Die Liste der Missstände der deutschen Wirtschaft ist lang: Unehrlichkeit, Intrigen, unlautere Preisabsprachen und Täuschungen sind weit verbreitet.

Was wir brauchen, sind nicht ein paar schnelle Rezepte nach der Marke „Instant“. Vielmehr geht es um die grundlegende Frage nach dem Sinn von Arbeit und dem Sinn unserer Existenz. Wer mit sich selbst und seiner Welt im Reinen ist, der kann als Führungskraft überzeugend handeln.

Wie schon erwähnt, gibt es in vielen Unternehmen heute Leitbilder und Unternehmensgrundsätze. Das ist gut so. Ich vermisse in manchen dieser Dokumente aber die unbedingte Wertschätzung des Menschen. Wir stehen als Führungskräfte immer in der Versuchung, die Arbeit an sich und damit den unternehmerischen Erfolg an die erste Stelle zu setzen. Das ist verständlich, weil Unternehmen dazu da sind, Gewinne zu erwirtschaften. Wer etwas anderes sagt, hat von Unternehmenspolitik nichts verstanden.

Führungskultur hat für mich vor allem etwas mit dem Menschenbild zu tun. Wer hier nicht die richtigen Weichen stellt, hat verloren. Unsere Unternehmensgrundsätze, die mir sehr wichtig sind, setzen deshalb genau bei dieser Frage an. In den ersten drei Punkten unserer Leitlinien geht es um nichts anderes als um Menschen. Sie haben die Priorität. Erst danach kommen unsere Produkte. Unser erster Grundsatz lautet: „Die zielorientierte Zusammenarbeit aller Mitarbeiter ist das Kapital unseres Unternehmens.“ Dieser Satz steht nicht umsonst ganz oben – er ist eine große Herausforderung, der wir uns stellen. Ein Unternehmen besteht zuallererst aus Individuen, nicht aus Gebäuden, Computern oder Maschinen. Es geht um Personen, nicht um Sachen. Die Würde des Menschen ist für uns das unaufgebbare und unverwechselbare Zentrum des Unternehmens.

Auch der zweite Grundsatz unserer Unternehmensphilosophie bezieht sich auf die Mitarbeiter. Er lautet: „Wir wissen um die Zusammenhänge zwischen Qualifikation, Motivation und Unternehmenserfolg, d. h. wir fördern unsere Mitarbeiter im Bereich der Aus- und Weiterbildung und wir beteiligen unsere Mitarbeiter am Gesamterfolg.“ Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. In vielen Unternehmen wird zu wenig in Mitarbeiter investiert. Das ist jedoch das Geheimnis erfolgreicher Unternehmen und Ausdruck einer großen Wertschätzung der Angestellten. Für die Qualifikation unserer Mitarbeiter haben wir vor einigen Jahren eine eigene Akademie gegründet. Außerdem arbeiten wir eng mit einem dualen Studiengang der Technischen Hochschule Mittelhessen zusammen, ein einmaliges Erfolgsmodell, bei dem nicht nur die Fachkenntnisse, sondern auch die Schlüsselqualifikationen und das Fach Wirtschaftsethik vermittelt werden.

Der dritte Grundsatz unseres Unternehmens dreht sich wieder um den Menschen, diesmal um den Kunden, den wir bewusst als „Partner“ verstehen. Zitat: „Unsere Kunden sind für uns Partner und entscheiden über den Erfolg unseres Unternehmens.“ Partner behandelt man anders als bloße Käufer. Partner sind Personen, denen man mit Respekt und Würde begegnet. Sie helfen uns, unsere Produkte noch besser zu machen. Wir wollen sie nicht über den Tisch ziehen. Hinter den von mir formulierten Grundsätzen steht für mich das christliche Menschenbild. Die Wertschätzung des Menschen ist auch die Basis aller Führungskultur. Wer das nicht verstanden hat, braucht mit einem „Code of Conduct“ gar nicht erst anzufangen.


Friedhelm Loh Group
Die inhabergeführte Friedhelm Loh Group beschäftigt 11.500 Mitarbeiter und erzielte im Jahr 2011 einen Umsatz von rund 2,2 Milliarden Euro. Sie ist ein weltweit führender Systemanbieter für Schaltschränke, Stromverteilung, Klimatisierung und IT-Infrastruktur. Bei Softwarelösungen für den Maschinen- und Anlagenbau sowie die Industrie (Rittal International) ist sie Europas Nr. 1 und besitzt Fertigungskompetenz mit den modernen Materialien Stahl, Aluminium und Kunststoff. Das Familienunternehmen, 1974 von Friedhelm Loh übernommen, ist mit 14 Produktionsstätten und über 60 internationalen Tochtergesellschaften weltweit präsent.
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