Industriestandort Deutschland: Plädoyer für einen neuen Schulterschluss
August, 2019

Industriestandort Deutschland: Plädoyer für einen neuen Schulterschluss

Dr. Harald Marquardt, Vorsitzender der Geschäftsführung, Marquardt Gruppe

Die Automobilindustrie ist als Schlüsselbranche Deutschlands ein verlässlicher Seismograf für die Gesamtverfassung unserer Industrie. Die kritischen Ausschläge auf der Konjunkturskala sind 2019 stärker geworden und haben zur Jahresmitte hin merklich zugenommen. Sparprogramme, Gewinnwarnungen, Stellenabbau und sogar Werksschließungen gehören nach Jahren des Wachstums wieder zum Alltag.

Zur Erklärung dieser Erschütterungen werden meist drei Gründe ins Feld geführt. Erstens: die sich abkühlende Weltkonjunktur mitsamt ihren Handelskonflikten und schwer kalkulierbaren Risiken wie dem Brexit. Zweitens: der spezifische Druck auf die Automobilindustrie, der von der klimapolitischen Vorgabe zur CO2-Reduzierung herrührt. Und drittens: die Mobilitätswende, die Herstellern und Zulieferern aufgrund vielfältiger Unsicherheiten zusätzlich massive Investitionen abverlangt, Gewinnspannen reduziert und unternehmerische Gestaltungsspielräume einengt.

Doch es gibt noch einen tiefer liegenden Grund, weshalb sich derzeit viele Firmen zu einschneidenden Maßnahmen gezwungen sehen: Wir haben am Industriestandort Deutschland in den letzten Jahren teils dramatisch an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Zu den größten Schwachpunkten zählen – neben einem zu komplizierten und international nicht mehr wettbewerbsfähigen Steuersystem mit zu hohen Abgaben – die zunehmende Knappheit an Fachkräften und die gleichzeitig überdurchschnittlich stark gestiegenen Lohnkosten. So hat sich die tarifliche Kostenbelastung in der Metall- und Elektroindustrie von 2011 bis 2018 um 24,2 Prozent erhöht, die gesamtwirtschaftliche Produktivität ist dagegen nur um 5,4 Prozent gestiegen. Die Inflationsrate stieg im selben Zeitraum um 9,1 Prozent.

Bei Marquardt bauen wir unsere globale Präsenz seit Jahren aus und nutzen dabei selbstredend die Vorteile von Best-Cost-Standorten. Dennoch mache ich mich von jeher auch für den Produktionsstandort Deutschland stark – und das nicht nur, weil ich mich als Familienunternehmer mit meiner Heimatregion und ihren Menschen eng verbunden fühle und ihnen gerne auskömmliche Arbeit biete, solange dies marktseitig möglich ist.

Ebenso gibt es handfeste volkswirtschaftliche und unternehmerische Argumente, die für eine Produktion in Deutschland sprechen. Denn Fakt ist, dass nach wie vor ein wesentlicher Teil unserer Wirtschaftskraft und des allgemeinen Wohlstands auf industriellen Leistungen beruht, die hierzulande erbracht werden. Eine starke Industrie erzeugt immer auch Prosperität in anderen Wirtschaftszweigen und generiert weitere Arbeitsplätze etwa im Dienstleistungsbereich, bei Handel oder Verkehr.

Wandert Industrie dagegen mehr und mehr ab – wie in den letzten Jahrzehnten in Großbritannien und den USA geschehen –, werden zuallererst die weniger qualifizierten Arbeitskräfte in den Niedriglohnsektor oder gar in die Arbeitslosigkeit abgedrängt. Das bringt wirtschaftliche Verwerfungen und führt in der Regel zu weiteren Kollateralschäden, die sich nicht zuletzt in erstarkenden politischen Radikalismen manifestieren. So ist es meines Erachtens auch ein Gebot gesellschaftlicher Verantwortung, eine der wichtigsten Quellen unseres Wohlstands – die Industrie – nicht durch zu hohe Auflagen und überzogene Forderungen zu schwächen.

Leider ist in den letzten Jahren das Gegenteil geschehen. Insbesondere für einfache Tätigkeiten in Westdeutschland wurde der Lohn durch eine zu einseitige und meines Erachtens falsch verstandene Klientelpolitik der Gewerkschaften zu teuer gemacht. Während die ostdeutsche Industrie im Durchschnitt für etwa 27,8 Euro produziert, kostet die Arbeitsstunde im Westen durchschnittlich etwa 42,9 Euro. Damit liegt sie um über fünfzig Prozent höher. Ganz zu schweigen vom Kostengefälle zwischen Deutschland und Ländern in Osteuropa, Afrika oder Asien, wo wir mittlerweile ebenfalls in vergleichbarer Qualität und Produktivität produzieren.

Man wollte als Luxusgewerkschaft offensichtlich lieber den Mitgliedern dienen, als weniger qualifiziertere Kollegen mitzunehmen. Insgesamt hat das dazu geführt, dass Ungelernte bei uns keine Chance mehr haben, einen im Vergleich zu deutlich schlechter zahlenden Branchen immer noch sehr gut dotierten Job zu bekommen. Mehr und mehr Unternehmen – zu meinem Bedauern auch das von mir geführte – müssen daher die einfache Arbeit aus Wettbewerbsgründen und wegen massiven Kostendrucks ins Ausland verlagern.

An der angespannten Weltkonjunktur und der unkalkulierbaren Dynamik globaler Märkte können wir nichts ändern. Sehr wohl aber wäre es möglich und ein Gebot der Fairness gegenüber Geringqualifizierten, korrigierend auf unsere Rahmenbedingungen vor Ort einzuwirken. Um dem Trend zur Deindustrialisierung etwas entgegenzusetzen, müssen beide Tarifparteien zurück auf Los und einen Dialog auf Augenhöhe und frei von Ideologien beginnen. Gefragt ist jetzt ein neuer Schulterschluss, der das Machtspiel zwischen den Tarifpartnern wohl zulässt, es aber nicht über die Sache stellt, um die es uns allen letztlich gehen sollte: um Zukunft weit über den nächsten Tarifabschluss hinaus. Um nachhaltigen Wohlstand auch für folgende Generationen.


Marquardt Gruppe

Dr. Harald Marquardt ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Marquardt Gruppe. Seit der Gründung im Jahr 1925 hat sich das Familienunternehmen nach eigenen Angaben zu einem der global führenden Mechatronik-Experten entwickelt. Die Produkte des Mechatronik-Spezialisten – darunter Bedienkomponenten, Fahrzeugzutritts-, Fahrberechtigungs- und Batteriemanagementsysteme für elektrobetriebene Fahrzeuge – kommen bei vielen namhaften Kunden der Automobilindustrie zum Einsatz. Ebenso sind Systeme von Marquardt in Hausgeräten, industriellen Anwendungen und Elektrowerkzeugen zu finden. Das Unternehmen zählt weltweit über 11.000 Mitarbeiter an 20 Standorten auf vier Kontinenten. Der Umsatz lag im Geschäftsjahr 2018 bei 1,3 Milliarden Euro.

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