30 Jahre Mauerfall: Unsere Verantwortung als Familienunternehmen
Oktober, 2019

30 Jahre Mauerfall: Unsere Verantwortung als Familienunternehmen

Verena von Mitschke-Collande, Eigentümerin, Aufsichtsrätin und stellvertretende Beiratsvorsitzende der Giesecke+Devrient GmbH

Bald jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal. Ich denke auch heute noch mit Staunen an den 9. November 1989 zurück. Gerne erinnere ich mich an diese unglaubliche Aufbruchstimmung, die damals unser Land erfasste. Ich denke aber auch zurück an einen enormen Kraftakt, der für Giesecke+Devrient begann. Denn noch vor der politischen Einheit stand am 1. Juli 1990 die Währungsunion. Für G+D bedeutete das, an der Produktion von Banknoten für mehr als 16 Millionen neue Bürger der Bundesrepublik Deutschland mitzuwirken. Innerhalb weniger Monate, bei laufendem Betrieb. Unsere Druckmaschinen liefen Tag und Nacht. Ich bin stolz, dass wir diesen wichtigen Beitrag zur Wiedervereinigung leisten konnten. Und persönlich freue ich mich, dass wir zum Zusammenwachsen von Ost und West beitragen konnten.

Für mich ist diese Episode nur ein Beispiel dafür, wie eng die Geschichte von Giesecke+Devrient schon immer mit der deutschen Geschichte verknüpft war. Unser Hauptsitz mag heute in München liegen, doch unsere Wurzeln liegen in Leipzig. Hier wurde 1852 das Unternehmen Giesecke+Devrient gegründet. So ein Unternehmen war damals schlichtweg nur in Leipzig denkbar, einst Zentrum für Buchdruck und Verlagstätigkeit in Deutschland. Es war die Zeit der Industrialisierung. Die Schornsteine der Fabriken rauchten, immer mehr Menschen zog es in die Städte. Sie brauchten Bargeld, um ihre Familien zu ernähren. Unternehmer brauchten Kredite, um neue Maschinen zu finanzieren. Hier kam G+D ins Spiel. Von Beginn an waren wir als Banknoten- und Wertpapierdrucker Partner deutscher Unternehmen und Banken – eine Rolle, die wir bis heute innovativ und verantwortungsvoll ausfüllen.

Wir druckten schon beinahe 100 Jahre in Leipzig, als Giesecke+Devrient 1948 durch die Sowjetische Militäradministration enteignet wurde – eine Erfahrung, die meine Familie tief geprägt hat. Mein Großvater Ludwig Devrient war in russischer Gefangenschaft in Bautzen verhungert, meine Mutter Jutta Devrient war in Leipzig aufgewachsen, mein Vater Siegfried Otto dort in der Unternehmensführung tätig. Es blieb zeit seines Lebens eine zentrale Erfahrung für den Menschen und Unternehmer Siegfried Otto, Leipzig und das Geschäft zurückzulassen. Mein Vater begann in München, das Unternehmen von null wieder neu aufzubauen. Unser Leipziger Stammhaus wurde als VEB Wertpapierdruckerei der DDR weitergeführt.

Und doch blieb das Leipziger Stammhaus immer ein Teil von uns – wenn auch zunächst nur in unseren Gedanken. Als sich nach dem Mauerfall die Möglichkeit bot, es zurückzuerwerben, haben wir nicht gezögert. Aus heutiger Sicht war es nicht nur emotional, sondern auch wirtschaftlich die richtige Entscheidung. In Leipzig drucken wir heute auf zwei hochmodernen Drucklinien 2,1 Milliarden Banknoten pro Jahr. Unser Engagement in Ostdeutschland beschränkt sich dabei nicht nur auf Leipzig. Im Jahr 1991 erwarben wir ebenfalls die Papierfabrik Königstein im sächsischen Bielatal. Ein Werk, das zuvor nicht zu G+D gehört hatte. Hier gab es auch aus dem eigenen Unternehmen mahnende Stimmen. Sollten wir das Wagnis eingehen, in den neuen Bundesländern ein Werk zu übernehmen und komplett zu modernisieren? Doch ich bin froh, dass wir uns nicht beirren ließen und das Projekt mit viel Tatkraft angegangen sind. Heute haben wir dort ein Werk mit einer der modernsten Papiermaschinen weltweit.

Wir haben in den vergangenen knapp 30 Jahren an unseren beiden Produktionsstandorten in Ostdeutschland erhebliche Investitionen getätigt – in Maschinen, in Ausbildungsplätze, in das Personal. Warum haben wir das gemacht? Weil wir an die Menschen dort glauben und einen Beitrag dazu leisten wollen, die Region zu stärken und weiterzuentwickeln. Das ist seit jeher der Anspruch von G+D als Familienunternehmen. Als Gesellschafterfamilie tragen wir auch Verantwortung für kommende Generationen. Es ist mir daher ein besonderes Anliegen, jungen Menschen aus der Region Perspektiven zu bieten.

Zu Leipzig, der Stadt meiner Vorfahren, hatte ich dabei immer eine besondere Beziehung. Mit 21 Jahren bin ich das erste Mal aus Neugierde nach Leipzig gefahren. Ich wollte wissen, wie es dort aussah, was ich aus Erzählungen kannte. Aus all diesen Gründen ist die Förderung des Museums für Druckkunst in Leipzig ein Grundpfeiler der Aktivitäten der G+D Stiftung, deren Stiftungsrat ich vorstehen darf. Die Wurzeln von Giesecke+Devrient liegen in der Druckkunst. Sie steht für das, was unser Unternehmen immer ausgemacht hat: stetige Innovationsfreude, die sich mit Leidenschaft und technologischer Kompetenz verbindet. Unternehmerisches Wirken heißt, stets auch gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen und zu leben. Dass wir dieser Verantwortung heute in einem vereinigten Deutschland nachkommen können – und damit auch das Zusammenwachsen einer Gesellschaft begleitet haben –, erfüllt mich mit großer Freude.


Giesecke+Devrient (G+D) ist ein weltweit tätiger Technologiekonzern mit Hauptsitz in München. Das 1852 gegründete Unternehmen erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2018 mit 11.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen Umsatz von 2,25 Milliarden Euro. G+D entwickelt, produziert und vertreibt Produkte und Lösungen rund um das analoge und digitale Bezahlen, die digitale Konnektivität von Menschen und Maschinen im Internet, den Schutz und das Management von Identitäten sowie die digitale Sicherheit. G+D unterhält 72 Tochtergesellschaften und Gemeinschaftsunternehmen in 34 Ländern.

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