Familienunternehmen: Kampf gegen Corona

Familienunternehmen: Kampf gegen Corona

Die Corona-Pandemie trifft auch deutsche Familienunternehmen. Sie sind der prägende Unternehmenstypus in Deutschland. Mit einem Anteil von etwa 90 Prozent repräsentieren sie einen Großteil der Unternehmen des privatwirtschaftlichen Sektors und sind zudem Arbeitgeber für fast 60 Prozent der in Deutschland Beschäftigten.

Die Finanz- und Staatsschuldenkrise hat gezeigt, dass Familienunternehmen eine stabilisierende Rolle in der Volkswirtschaft übernehmen. Das zeigt ein Blick auf die Finanz- und Staatsschuldenkrise. Viele Familienunternehmen hielten in der schwierigen Zeit an der Beschäftigung fest und kehren umso schneller wieder zum Wachstum zurück.

Zwischen 2007 und 2016 steigerten die 500 größten Familienunternehmen die Beschäftigung um 23 Prozent. Die Dax-Konzerne, die keine Familienunternehmen sind, steigerten die Beschäftigungszahl um vier Prozent. Familienunternehmen können also auch bei der Bewältigung der durch das Virus COVID-19 verursachten Krise eine besondere Rolle spielen.


Krisenresilienz

Auf das Corona-Virus war die Welt ebenso wenig vorbereitet wie auf die Finanz- und Staatsschuldenkrise in den Jahren nach 2008. Unternehmen und Volkswirtschaften müssen daher der Frage nach ihrer Krisenresilienz eine ganz neue Aufmerksamkeit schenken.

Der „Jahresmonitor der Stiftung Familienunternehmen“ mit dem Titel „Die Widerstandsfähigkeit der deutschen Wirtschaft in der Corona-Pandemie“ zeigt auf, wie die volkswirtschaftliche Widerstandskraft gegenüber Krisen gesteigert werden kann. Er wurde gemeinsam vom ifo Institut sowie dem Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) erstellt.

Die Krisenresilienz von Unternehmen und Volkswirtschaften entscheidet sich in drei Phasen: in einer Vorbereitungsphase, die Kapazitäten zur Krisenbewältigung aufbaut, einer Milderungsphase, welche den Erhalt größtmöglicher Funktionalität in der kurzen Frist zum Ziel hat, und einer Anpassungsphase, die durch Adaptions-Prozesse für ein womöglich dauerhaft verändertes Umfeld geprägt ist.

„Die meisten Unternehmen brauchen keine staatliche Alimentierung, alle aber gute und solide Rahmenbedingungen, um Eigenkapital und Liquidität zu sichern und aufzubauen.“
Prof. Rainer Kirchdörfer,
Vorstand der Stiftung Familienunternehmen

Der „Jahresmonitor“ basiert unter anderem auf einer repräsentativen Befragung von 2.452 Unternehmen. Außerdem flossen Erfahrungsberichte ein, die die Stiftung Familienunternehmen unmittelbar nach dem Ausbruch der Pandemie in Deutschland im Frühjahr 2020 erhoben hat.

Einige Ergebnisse im Überblick:

  • Der Befragung zufolge haben die Firmen in der Milderungs-Phase aktiv auf die Auswirkungen der Pandemie reagiert: 94 Prozent der Befragten haben zum Zeitpunkt der Befragung mindestens eine Maßnahme zur Bewältigung der akuten Krisenfolgen oder der strategischen Neuausrichtung für die Zeit nach der Krise eingeleitet. Ein Krisenplan wurde bereits von 45 Pro erstellt.
  • In Bezug auf ihr operatives Geschäft sahen sich elf Prozent gezwungen, Werks- oder Standortschließungen einzuleiten. Außerdem ist eine Bereitschaft zu verstärkter Lagerhaltung und einem Wechsel der Zulieferer zu beobachten. Einer internationalen Verlagerung von Standorten erteilen die Befragten in den allermeisten Fällen (95 Prozent) hingegen eine klare Absage. Für den bisweilen vermuteten Trend zu einer Deglobalisierung der Lieferketten bietet die Umfrage keine Belege.
  • Zur Stärkung der volkswirtschaftlichen Krisenresilienz halten die befragten Firmen vor allem eine Verbesserung der digitalen Infrastruktur für wichtig (54 Prozent finden die Maßnahme „sehr geeignet“). Dies ist insbesondere relevant für den ländlichen Raum, in dem Familienunternehmen stärker vertreten sind.
  • Familienunternehmen messen der Erhöhung der liquiden Mittel im Unternehmen eine größere Bedeutung zu als Nicht-Familienunternehmen: 40 Prozent der Familienunternehmen haben bereits Maßnahmen zur Steigerung der Liquidität ergriffen. Der Anteil unter den Nicht-Familienunternehmen liegt bei 27 Prozent.
  • Die Hälfte der Familienunternehmen hält die steuerliche Förderung der unternehmerischen Eigenkapitalbildung für ein sehr geeignetes politisches Mittel für eine bessere zukünftige Krisenresilienz. Bei den Nicht-Familienunternehmen liegt die Zustimmung in diesem Bereich bei lediglich einem Viertel.
  • Ein klares Signal wird von den Unternehmen bezüglich europäischer Lösungen zur Krisenbewältigung gesendet. Dabei werden europäische Zusammenarbeit und Koordination (zu 69 Prozent) sowie Solidarität in Form des zielgerichteten EU-Stabilitätsmechanismus überwiegend (70 Prozent) als geeignet angesehen. Eine länderübergreifende Haftung für Kredite in Form von Eurozonen-Anleihen wird hingegen von 68 Prozent der Befragten abgelehnt.
  • Gut drei Viertel (78 Prozent) der Befragten sind der Ansicht, die Konsolidierung der Staatsfinanzen sollte in den nächsten Jahren angegangen werden, um in zukünftigen Krisen erneut über einen finanziellen Spielraum zur Krisenbewältigung verfügen zu können.
  • Familienunternehmen sprechen sich öfter gegen die Ausweitung von zentralen Bundeskompetenzen im Krisenfall aus als Nicht-Familienunternehmen. Mehr als ein Drittel hält eine Stärkung von politischen Entscheidungsbefugnissen des Bundes für nicht oder gar nicht geeignet, die Krisenresilienz zu stärken. Bei den Nicht-Familienunternehmen liegt der Anteil der Unternehmen, die mehr Bundeskompetenzen ablehnen, bei 22 Prozent. Die Daten lassen in der Konsequenz eine stärkere regionale Verwurzelung von Familienunternehmen vermuten.

„Wir müssen dringend unsere Volkswirtschaft auch gegenüber künftigen Schocks absichern“, sagt Professor Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen, anlässlich der Veröffentlichung der Studie. Die vielfach diskutierten steuerliche Verlustrückträge seien ein geeignetes Mittel. Damit würde sichergestellt, dass auch nur Unternehmen mit einem soliden Geschäftsmodell Hilfen erhalten. Streuverluste und Wettbewerbsverzerrungen würden vermieden.


Ergänzende Befragung zum Krisenmanagement der Bundesregierung

Im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen hat das ifo Institut auch bei der Bewertung der Krisenreaktionsmaßnahmen der Bundesregierung nachgefasst. Dabei zeigt sich, dass die Zustimmung der Wirtschaft zur Krisenreaktion der Bundesregierung abnimmt. Die Unternehmen bewerteten die Krisenreaktion der Bundesregierung im Oktober 2020 mit der Note 3,1. Bei der im Frühsommer 2020 durchgeführten Befragung hatten die Unternehmen noch die Note 2,9 vergeben.

In zehn von elf abgefragten Kategorien verschlechterten sich die Bewertungen. Die von den Behörden angeordneten Betriebsschließungen werden am schlechtesten benotet (Note 3,9), es folgen Staatsbeteiligungen an notleidende Unternehmen (3,7), die Möglichkeit zur Stundung von Mietzahlungen (3,4). Auch die Zensuren für das Kurzarbeitergeld (1,8) sowie die Möglichkeit zu Steuerstundungen (2,4) haben sich im Jahresverlauf verschlechtert. Die Bewertung der KfW-Kredite blieb stabil bei 3,0.

Zeugnis für das Krisenmanagement der Politik, Durchschnittsnoten (Befragung Mai – Juni sowie Oktober) Frage:
Mit dieser Kurzumfrage möchten wir Sie bitten, der Politik ein aktuelles Zeugnis für ihr Krisenmanagement auszustellen. Bitte vergeben Sie Noten auf einer Skala von 6=“ungenügend“ bis 1=“sehr gut“ für das Vorgehen der Bundesregierung im Hinblick auf:

Zeugnis für das Krisenmanagement der Politik, Durchschnittsnoten Mai-Juni Oktober
Gewährung von Kurzarbeitergeld 1,75 1,84
Stundung von Steuerzahlungen u. Reduzierung der Vorauszahlungen 2,28 2,42
Staatliche Bürgschaften und Garantien 2,66 2,91
Soforthilfen (Zuschüsse ohne Rückzahlungspflicht) von Land oder Bund 2,79 3,06
Lockerung gesetzlicher Vorgaben (z. B. gesetzl. Insolvenzregelungen) 2,92 3,38
Kredite der KfW oder anderer staatlicher und staatsnaher Institute 2,96 2,95
Informationen für Unternehmen durch staatliche Stellen 2,98 3,38
Grenzschließungen 3,18 3,68
Stundung von Mietzahlungen 3,27 3,39
Staatsbeteiligungen an notleidenden Unternehmen 3,42 3,69
Behördlich angeordnete Betriebsschließungen 3,51 3,87
© Stiftung Familienunternehmen

 


Defintion Resilienz

Der Begriff der „Resilienz“ leitet sich von dem lateinischen Verb „resilire“ ab, was durch „zurückspringen“ oder „zurückprallen“ übersetzt werden kann. Von der unmittelbaren Wortbedeutung her steht somit die Reaktion eines Gegenstands oder Systems auf eine Krafteinwirkung beziehungsweise einen Schock im Vordergrund. In verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen ist eine Vielzahl an Resilienz-Konzepten und -definitionen entstanden, die sich mitunter deutlich unterscheiden.

In der Materialforschung beschreibt Resilienz die Eigenschaft eines Gegenstands, nach einer Deformation durch Fremdeinwirkung zu seiner Ausgangsform zurückzukehren. Die Krafteinwirkung führt hier also zu keiner dauerhaften Veränderung.

Einen Schritt weiter geht das Verständnis von Resilienz in der Ökologie, wo eine Krafteinwirkung auf ein komplexes System im Mittelpunkt steht. Die Fähigkeit, Veränderungen aufzufangen und zu absorbieren, wird auf die Beziehungen innerhalb eines (ökologischen) Systems ausgeweitet. Ein ähnliches Verständnis findet sich in den Ingenieurswissenschaften. Ein technologisches System ist demnach resilient, solange es seine Funktion nach einem Schock aufrechterhalten kann. Durch Kapazitätsreserven und Flexibilität in der Struktur bleiben das ursprüngliche System und seine Funktionen erhalten, sodass eine Krafteinwirkung auch hier zu keiner wesentlichen dauerhaften Veränderung führt.

Eine Interpretation von Resilienz, wie sie dem wirtschaftspolitischen Verständnis nähersteht, findet sich in der Psychologie und insbesondere in den Sozialwissenschaften. In der Psychologie ist Resilienz mit den Fähigkeiten zu einem „bounce back“ und zur Adaption verbunden. Stärker als in den bisherigen Disziplinen wird hier die Anpassung an dauerhaft veränderte Rahmenbedingungen in Folge eines traumatischen Erlebnisses wie einer chronischen Krankheit oder einschneidenden Veränderungen im sozialen Umfeld betont.

Die Weiterentwicklung von Resilienz — ausgehend von materiellen Gegenständen über ökologische und technologische Systeme sowie dem einzelnen Menschen bis hin zu gemeinschaftlichen Systemen — erfolgte dann in den Sozialwissenschaften. Noch stärker als in der Psychologie steht hier die Anpassung an ein dauerhaft verändertes Umfeld im Fokus. Darüber hinaus werden Veränderungen maßgeblich von der Interaktion sozialer Systeme (Gemeinschaft) und technologischer Systeme (Infrastruktur) bestimmt (Mileti 1999). Ein weiteres Merkmal ist die Orientierung an einer übergeordneten Zielfunktion, die beispielsweise auf den Erhalt von Lebensqualität abzielt und sich dadurch von dem schlichten Ziel der Status quo-Erhaltung unterscheidet. (Quelle: Jahresmonitor der Stiftung Familienunternehmen)


Sicherheitsfragen in der Krise

Bei allen wirtschaftlichen Fragen wirft die Corona-Pandemie auch Sicherheitsfragen auf. Die Beschränkungen durch Corona erhöhen Sicherheitsrisiken in Familienunternehmen – offline und online. Der Sicherheitsbeirat der Stiftung Familienunternehmen beantwortet grundlegende Fragen - etwa zur Einrichtung eines Krisenstabs, Zugangsbeschränkungen auf dem Firmengelände und möglichen IT-Risiken.

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Die Corona-Krise in den Medien

Die Stiftung Familienunternehmen tritt bei den wirtschaftlichen Folgen beziehungsweise politischen Gegenmaßnahmen durch die Corona-Krise als fachliche Autorität auf. In Gastbeiträgen, Interviews und Pressegesprächen ordnet die Stiftung die Auswirkungen der Pandemie ein, weist auf die besondere Betroffenheit von Familienunternehmen hin und diskutiert notwendige Schritte zur Krisenbewältigung.

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Material zum Thema

Studie: Deutschlands nächste Unternehmergeneration | Stiftung Familienunternehmen
Erklär-Video: Deutschlands nächste Unternehmergeneration