Internationalisierung

Wegzugsbesteuerung

Die Wegzugsbesteuerung kann Gesellschafter von Familienunternehmen in ganz besonderem Maße treffen. Sofern sie auf Dauer ihren Wohnsitz ins Ausland verlagern, droht ihnen die Realisierung und Besteuerung der stillen Reserven ihrer Unternehmensanteile. In letzter Konsequenz können sie zum Verkauf gezwungen sein.

Prof. Dr. Stephan Kudert von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt a. d. Oder hat im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen ein Reformmodell für die Wegzugsbesteuerung entwickelt, das mit milderen Mitteln das staatliche Interesse an einer Besteuerung der stillen Reserven sichert.

 

 

Rechts- und Reformlage der Wegzugsbesteuerung

Der deutsche Gesetzgeber verlangt in den Regeln zur Wegzugsbesteuerung, dass die stillen Reserven in den Anteilen an Kapitalgesellschaften, also die Differenz zwischen Buch- und Verkehrswert, beim Wegzug der Eigner ins Ausland realisiert und besteuert werden. Damit will sich der deutsche Fiskus die Besteuerung stiller Reserven, die in den Gesellschaftsanteilen liegen, sichern. Würde ein in Deutschland lebender Gesellschafter seine Gesellschaftsanteile verkaufen, dann müsste er den Veräußerungsgewinn hierzulande versteuern. Dieses Zugriffsrecht verliert der deutsche Fiskus nach internationalen Steuergrundsätzen sobald der Gesellschafter im Ausland wohnt.

Dieser Gewinn ist bei einem Wegzug aber nur fiktiv angefallen und nicht in Geld. Die Wegzugsbesteuerung kommt daher einer Substanzbesteuerung gleich. Der Autor des Rechtsgutachtens, Prof. Stephan Kudert von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt a. d. Oder, urteilt: „Das Recht der Wegzugsbesteuerung stellt für die Gesellschafter von Familienkapitalgesellschaften ein gravierendes Liquiditätsproblem dar, das im Einzelfall existenzgefährdend sein kann."  

Das Gesetz sieht zwar Stundungsregelungen vor, wenn die Eigner binnen fünf Jahren wieder aus dem Ausland nach Deutschland zurückkehren. Die Frist kann einmalig verlängert werden. Doch es gibt eine Menge von Sachverhalten, in denen diese Ausnahme aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht weiterhilft.

„Die Wegzugsbesteuerung schwebt als Damoklesschwert über den Familienunternehmen. Gesellschaftern, die ins Ausland umziehen und – wie in der Regel – nicht über die Liquidität zur Begleichung der Wegzugs-Steuerschuld verfügen, bleibt in letzter Konsequenz nur der Verkauf ihrer Anteile.“

Prof. Rainer Kirchdörfer,
Vorstand der Stiftung Familienunternehmen und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats
Reformmodell der Stiftung Familienunternehmen

Das Reformmodell der Stiftung Familienunternehmen zur Wegzugsbesteuerung

Im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen hat Prof. Stephan Kudert von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt a. d. Oder ein Modell erarbeitet, das mit milderen Mitteln das Staatsinteresse an der Besteuerung der stillen Reserven sichert. Demnach werden stille Reserven bei Wegzug in jedwedes Land lediglich festgestellt. Ob es zu einer Wegzugsbesteuerung kommt, ist abhängig davon, ob der Staat im Verkaufsfall sein Besteuerungsrecht durchsetzen kann. Das Reformmodell baut auf einem dreistufigen Ampelsystem auf:

Das Reformmodell baut auf einem dreistufigen Ampelsystem auf

  • Ist die Durchsetzung der Besteuerung gewährleistet, etwa durch eine entsprechende Amtshilfevereinbarung mit dem neuen Wohnsitz-Land des Gesellschafters, wird die Steuer erst fällig, wenn die Unternehmensanteile tatsächlich verkauft werden und ein Veräußerungsgewinn erzielt wird. (Ampel grün)
  • Ist die Durchsetzung des Steueranspruchs fraglich, kann der Steuerpflichtige durch gesteigerte Anzeige- und Mitwirkungspflichten eine Steuertilgung in Raten über fünf Jahre erwirken. (Ampel gelb)
  • Sieht die Finanzverwaltung die Durchsetzung ihres Steueranspruchs ernsthaft in Gefahr, kann sie die stillen Reserven bei Wegzug sofort besteuern. (Ampel rot)

Stiftungs-Vorstand Prof. Rainer Kirchdörfer urteilt: „Das Reformmodell schafft Rechtssicherheit und stellt eine ausgewogene Balance her zwischen dem legitimen staatlichen Interesse an der Besteuerung der stillen Reserven und dem Interesse der Gesellschafter, ihren Wohn- und Arbeitsort frei zu wählen und trotzdem ihre Anteile am Familienunternehmen langfristig zu halten.“

Sonderfall: Wegzugsbesteuerung und Brexit

Durch den EU-Austritt Großbritanniens wird das Land zum EU-Drittstaat. Die bislang zinslose Stundung der Steuerschuld beim Wegzug innerhalb der Europäischen Union kann dadurch entfallen. Gesellschafter, die in Großbritannien leben, wären damit unmittelbar von der Wegzugsbesteuerung betroffen. Auch deswegen ist eine Klarstellung des deutschen Gesetzgebers nötig, um Rechtssicherheit zu schaffen.

Stiftungsvorstand Prof. Rainer Kirchdörfer und der Autor des Reformmodells, Prof. Stephan Kudert, haben zu diesem Thema einen gemeinsamen Gastkommentar für die „Europäische Zeitschrift für Wirtschaftsrecht“ (EuZW) verfasst.

Material zum Thema Wegzugsbesteuerung
Die Internationalisierung der Unternehmerfamilie – Reformvorschläge für die Wegzugsbesteuerung | Stiftung Familienunternehmen
Artikel Frankfurter Allgemeinen Zeitung - Wie Briten und Katalanen Steuerlasten schaffen | Stiftung Familienunternehmen

Artikel aus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": „Wie Briten und Katalanen Steuerlasten schaffen“


Artikel Börsen-Zeitung - Gesellschaftern drohen steuerliche Nachteile | Stiftung Familienunternehmen

Artikel aus der "Börsen-Zeitung": „Gesellschaftern drohen steuerliche Nachteile“


Artikel Die Familienunternehmer-News - Damoklesschwert für Familienunternehmen | Stiftung Familienunternehmen

Artikel aus "Die Familienunternehmer-News": “Damoklesschwert für Familienunternehmen“


Artikel von Prof. Rainer Kirchdörfer und Prof. Dr. Stephan Kudert in der „Europäischen Zeitschrift für Wirtschaftsrecht“ (EuZW) | Stiftung Familienunternehmen

Artikel von Prof. Rainer Kirchdörfer und Prof. Dr. Stephan Kudert in der „Europäischen Zeitschrift für Wirtschaftsrecht“ (EuZW) „Brexit: Steuerlicher Regelungsbedarf aus Unternehmenssicht“


Reformmodell zur Wegzugsbesteuerung | Stiftung Familienunternehmen
Die Internationalisierung der Unternehmerfamilie – Erklär-Video | Stiftung Familienunternehmen
Unternehmer-Meinung von Dr. Dr. h. c. Manfred Fuchs | Stiftung Familienunternehmen

Unternehmer-Meinung von Dr. Dr. h. c. Manfred Fuchs, Vorsitzender des Aufsichtsrats der FUCHS PETROLUB SE: „Globale Präsenz, nationale Hürden“

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