München, 20.02.2015

Länderindex Familienunternehmen: Bedrohliche Ungleichgewichte in Europa

„Der neue Länderindex dokumentiert ein zunehmendes Ungleichgewicht innerhalb der EU-Staaten. Die von der Politik gewünschte wirtschaftliche Angleichung ist weiter entfernt denn je. Dies führt unter den Mitgliedsstaaten zu immer schärferen Interessengegensätzen. Der Politik gelingt es bisher nicht, diese zu überbrücken“, erklärt Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Brun-Hagen Hennerkes, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Familienunternehmen, anlässlich der Vorlage des Länderindex Familienunternehmen 2014.

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim untersucht im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen bereits seit 2006 die konkreten Standortbedingungen dieser Unternehmensgruppe.

Im Hinblick auf die Tatsache, dass Familienbetriebe mehr als 90 Prozent aller Unternehmen in Europa ausmachen, leitet der Länderindex aus ihrer Stellung die Standortqualität von 17 europäischen Staaten sowie den USA ab.

 

Vergleich der Wettbewerbsfähigkeit

Italien als das schwächste der untersuchten Länder kann seit Beginn der Standortanalyse im Jahre 2006 keine größeren Fortschritte vorweisen. Mit Frankreich und Spanien gehören weitere wichtige EU-Staaten zu den Schlusslichtern. Insbesondere haben sich die Standortbedingungen in Frankreich weiter verschlechtert. „Falls sich der Abstieg der vorgenannten Länder fortsetzt, werden erhebliche Auswirkungen für die gesamte Eurozone befürchtet. Griechenland zeigt, welche hohe Ansteckungsgefahr bereits von der Krise eines kleinen, wirtschaftlich relativ unbedeutenden Staates auf die Gemeinschaft aller EU-Mitglieder ausgeht“, warnt Hennerkes.

 

Licht und Schatten in der Beurteilung Deutschlands

Der Standort Deutschland hat sich teils positiv, teils negativ entwickelt. Eine positive Entwicklung gab es insbesondere im Bereich der Unternehmensfinanzierung. Diese hat sich vergleichbar mit der Schweiz aufgrund der günstigen Zinssituation als Zugpferd für Investitionen wie für die Innovationsfähigkeit erwiesen. Weitere Fortschritte zeigen sich im Bildungssystem (verbessertes PISA-Ranking). Kritisch sind dagegen die Entwicklung im Bereich „Energie“ in puncto Verfügbarkeit und Preis, die Beseitigung von Infrastrukturmängeln sowie der Bürokratieabbau.

 

Größte Minuspunkte: Steuern und Arbeitsmarktregulierung

Unter Einbeziehung aller Standortfaktoren hat sich Deutschland im Zeitverlauf seit 2006 verschlechtert. Warum dies so ist, lässt sich im Bereich „Steuern“ nachvollziehen. So wurden die durch die umfassende Unternehmenssteuerreform 2008 auf Unternehmensebene erzielten Entlastungen größtenteils durch die Erhöhung des Spitzensteuersatzes auf 45 Prozent kompensiert. Auch die Erbschaftsteuerreform 2009 brachte zwar eine relative Verbesserung. Da aber andere Länder wie Österreich die Erbschaftsteuer gänzlich abgeschafft bzw. wie die Niederlande reformiert haben, fällt Deutschland auch in dieser Hinsicht zurück. Hier droht sich der Standortnachteil noch weiter zu verschärfen. „Gespannt erwarten die Familienunternehmer nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 17. Dezember 2014 nun einen ausgewogenen Vorschlag zur Neuregelung der Erbschaftsteuer“, so Hennerkes.

Hinzu kommt: Der administrative Aufwand der Unternehmen für ihre Steuererklärung ist laut Länderindex im Verlauf der letzten Jahre im Vergleich zu anderen Ländern stetig angestiegen. Ein Unternehmen in Deutschland muss dafür im Schnitt 218 Stunden aufbringen, im Vereinigten Königreich halbiert sich der Zeitaufwand und ein Schweizer Unternehmen benötigt nur 63 Stunden. Der vergleichsweise schlechte 13. Platz im Subindex „Steuern“ belegt eindeutig den großen Nachholbedarf der deutschen Regierung.

„Die in Deutschland erzielten moderaten Standortverbesserungen werden durch die neuen Regulierungen auf dem Arbeitsmarkt beim Mindestlohn und die geplante Einschränkung der Zeitarbeit konterkariert“, ergänzt Dr. Friedrich Heinemann, Projektleiter des Länderindex im ZEW. Dass Deutschland insgesamt im Vergleich nicht stärker vorankomme, bezeichnete er als enttäuschend.

 

Deutschland fällt bei Infrastruktur stetig zurück

Im Bereich „Infrastruktur“ ist der Abstand Deutschlands zu den Spitzenreitern gewachsen. Die qualitativen Bewertungen der deutschen Transportinfrastruktur sind in allen drei Teilbereichen (Straße, Schiene, Luftverkehr), am stärksten aber beim Schienenverkehr, kontinuierlich und deutlich schlechter geworden. Eine große Schwachstelle ist die Verbreitung der Mobilfunknetze und die verfügbare Internet-Bandbreite. Bei Letzterer ist Deutschland seit 2012 vom 9. auf den 15. Platz zurückgefallen.

Länderindex | Stiftung Familienunternehmen

Die Kartendarstellung zeigt, wie attraktiv die untersuchten Länder als Standort für Familienunternehmen abschneiden. Unter dem Länderkürzel ist der Rang im Länderindex genannt.

 

Auf- und Absteiger in Europa

In der Gesamtwertung des Länderindex 2014 schneiden die Schweiz (ohne Berücksichtigung der Frankenaufwertung) und das Vereinigte Königreich am besten ab. Auch Luxemburg und Finnland weisen mit den Plätzen 3 und 4 gute Ergebnisse auf. Der große Aufsteiger im aktuellen Länderindex ist jedoch Polen, das im Vergleich zu 2012 drei Rangstufen auf einmal nimmt. Dies ist insbesondere auf Verbesserungen in den Bereichen Finanzierung und Arbeit zurückzuführen. Im Jahr 2006 trug Polen im Ranking noch die rote Laterne, liegt jetzt aber direkt hinter Deutschland.

Um zwei Ränge haben sich die Niederlande verbessert, da sich die Resultate bei Steuern und Regulierung positiv entwickelt haben. Waren die Niederlande 2006 noch hinter Deutschland platziert, so haben sie Deutschland inzwischen hinter sich gelassen.

 

Hintergrund des Länderindex

Der „Länderindex Familienunternehmen“ ist einzigartig in seiner Konzentration auf die Standortfaktoren, die für Familienunternehmen wichtig sind. Sechs komplex zusammengesetzte Indices fließen in die Studie, die seit 2006 zum fünften Mal in Folge vorgelegt wird, ein: Nämlich „Steuern“, „Arbeitskosten, Produktivität, Humankapital“, „Regulierung“, „Finanzierung“, „Öffentliche Infrastruktur“ und „Energie“. Besonders am Länderindex ist, dass er nicht auf Befragungen von Unternehmern oder Managern beruht, sondern auf statistisch messbaren Daten und Fakten. Das ZEW hat seinen Steuerberechnungen überdies ein Modellunternehmen zugrunde gelegt, das einem typischen großen Familienunternehmen entspricht, welches global agiert.

Andre Tauber
Leiter Kommunikation

Stiftung Familienunternehmen
Prinzregentenstraße 50
D-80538 München

Telefon: +49 (0) 89 / 12 76 400 06

E-Mail: tauber(at)familienunternehmen.de
Internet: www.familienunternehmen.de

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok
Datenschutzerklärung