Debatte zur Industriepolitik: Wirtschaftshistorisches Gutachten zeigt grundlegende Unterschiede zwischen den Unternehmenslandschaften in Deutschland und den USA auf
München, 21.06.2019

Debatte zur Industriepolitik: Wirtschaftshistorisches Gutachten zeigt grundlegende Unterschiede zwischen den Unternehmenslandschaften in Deutschland und den USA auf

In Deutschland konnten viele Familienunternehmen über Generationen hinweg zu international erfolgreichen Unternehmen gedeihen, in den USA hingegen haben sie nur eine geringere volkswirtschaftliche Bedeutung. Betrachtet man die 200 größten Unternehmen, so entfällt in Deutschland ein gutes Fünftel (21 Prozent) auf Familienunternehmen. In den USA sind es dagegen nur 6,5 Prozent. Deutsche Familienunternehmen zeichnen sich zudem durch Langlebigkeit und Kontinuität aus. Vergleicht man die größten Familienunternehmen in beiden Ländern, beträgt das Durchschnittsalter der deutschen Familienunternehmen 101,8 Jahre. In den USA sind es nur 74,5 Jahre.

Das sind einige Ergebnisse des ersten umfassenden wirtschaftshistorischen Vergleichs der Unternehmenslandschaften in Deutschland und den USA im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen. Erstellt wurde die Studie von den Wirtschaftshistorikern Prof. Dr. Hartmut Berghoff und PD Dr. Ingo Köhler von der Universität Göttingen. Sie untersuchten dafür fast 250 Jahre Wirtschaftsgeschichte in den USA und Deutschland.

Dabei zeigt sich, dass sich in einer Gesellschaft nur über einen langen Zeitraum die jeweils passende Unternehmenslandschaft herausbildet. „Man kann eine Unternehmenslandschaft nicht vom Reißbrett planen“, sagt Prof. Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen. „Sie formt sich über Jahrhunderte hinweg und ist immer auch ein Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaft. Doch es ist vergleichsweise leicht, sie durch falsche politische Rahmenbedingungen zu zerstören. Die Erhebung einer drakonischen Erbschaftsteuer in den USA seit dem Zweiten Weltkrieg macht das deutlich: Sie besiegelte das Ende vieler Familienunternehmen.“

Die Studie ist in Anbetracht der Debatte über eine deutsche bzw. europäische Industriestrategie von aktueller Bedeutung: „Wir werden um unsere deutsche Unternehmenslandschaft mit vielen Familienunternehmen und einer starken industriellen Basis weltweit beneidet“, sagt Kirchdörfer. „Gerade in Krisenzeiten wirken die international erfolgreichen Familienunternehmen stabilisierend auf die Volkswirtschaft und insbesondere den Arbeitsmarkt. Die Industriepolitik der Bundesregierung muss deswegen am Ziel gemessen werden, die von Familienunternehmen geprägte Unternehmenslandschaft zu erhalten.“ Das setzt auch voraus, dass Deutschland faire Wettbewerbsbedingungen für deutsche Familienunternehmen schafft und die Standortbedingungen verbessert.

Die Studie zeigt detailliert auf, wie sich in den USA und Deutschland so unterschiedliche Landschaften entwickeln konnten. In Deutschland haben handwerkliche Traditionen sowie eine gute Ausbildung dazu beigetragen, dass sich die Familienunternehmen eine hohe technische Expertise aneigneten. Demgegenüber gelten die USA traditionell als Land der Möglichkeiten, in dem Einzelne oft versuchen, ein Unternehmen zu gründen – und es zu Lebzeiten wieder zu verkaufen. Der stete Strom von Einwanderern und die Weite des Landes ermöglichten seit jeher eine hohe Mobilität und schufen viele Möglichkeiten für Unternehmensgründungen. Bis heute ist die Gründungsdynamik dort höher als in Deutschland, während mehrgenerationelle Traditionsunternehmen seltener zu finden sind.

Die Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks reagierten unterschiedlich auf die jeweiligen Marktbedingungen. Die deutschen Unternehmen konzentrierten sich angesichts hoher, Generationen übergreifenden Expertise und wegen des vergleichsweise kleinen Absatzmarkts auf den Export technologisch hochwertiger Produkte. Die USA hingegen setzten eher auf den riesigen Binnenmarkt und die Massenproduktion nach dem Vorbild Henry Fords.

Hinzu kamen politische Gründe. Deutschland verfolgte lange Zeit eine aktive Mittelstandspolitik. Damit sollten auch Defizite des Kapitalmarkts ausgeglichen werden. In den USA hingegen wurde die Mittelstandsförderung nur halbherzig betrieben. Da die Bedeutung des Bankkredits in den USA geringer war, besorgten sich viele Unternehmen Kapital an den Börsen. Auch steuerpolitische Gründe spielten eine maßgebliche Rolle. Die USA führten während des Zweiten Weltkriegs eine hohe Erbschaftsteuer ein, die mit Spitzensätzen von 77 Prozent der Studie zufolge „konfiskatorische Züge“ trug. Diese Steuer habe viele Familienunternehmer zum „Ausverkauf und zum Wechsel in andere Vermögensklassen“ veranlasst. Unternehmen sei zudem im „massiven Umfang“ Liquidität entzogen worden.

Die Unterschiede zwischen den Unternehmenslandschaften sind auch kulturell und gesellschaftlich tief verankert. „In Deutschland blieb die Verbindung von Unternehmen und Familien enger. Das hing mit dem ausgeprägten Individualismus und der höheren sozialen Mobilität in den USA zusammen, aber auch mit der allgemein weniger stark als in Deutschland ausgeprägten Mentalität, langfristig zu denken und den eigenen Kindern etwas hinterlassen zu wollen“, heißt es in der Studie.

Mehr als 90 Prozent aller Unternehmen in Deutschland sind Familienunternehmen. Die gemeinnützige Stiftung Familienunternehmen setzt sich für den Erhalt dieser Familienunternehmenslandschaft ein. Sie ist der bedeutendste Förderer wissenschaftlicher Forschung auf diesem Feld und Ansprechpartner für Politik und Medien in wirtschaftspolitischen, rechtlichen und steuerlichen Fragestellungen. Die 2002 gegründete Stiftung wird mittlerweile getragen von über 500 Firmen aus dem Kreis der größten deutschen Familienunternehmen.

Weitere Informationen:

Andre Tauber
Leiter Kommunikation

Stiftung Familienunternehmen
Prinzregentenstraße 50
D-80538 München

Telefon: +49 (0) 89 / 12 76 400 06
Mobil: +49 (0) 172 / 63 190 09

E-Mail: tauber(at)familienunternehmen.de
Internet: www.familienunternehmen.de


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