Das stille Wirtschaftswunder

Wie der Westen reicher und gleicher wurde
Herausgeber
Stiftung Familienunternehmen
Veröffentlichung
München, 2026
Institut
Forschungsinstitut für Industrieökonomie (IFN)
Stockholm
Autoren
Prof. Daniel Waldenström
Isbn
978-3-948850-83-8

Im vergangenen Jahrhundert hat sich die Vermögensverteilung in den westlichen Industrieländern deutlich verändert: Die Menschen wurden nicht nur wesentlich wohlhabender, die Vermögensungleichheit nahm auch ab.

In seinem Essay analysiert der schwedische Ökonom Prof. Daniel Waldenström die Entwicklung von Vermögen über einen Zeitraum von 130 Jahren und zeigt auf Basis neuer Forschungsergebnisse, wie diese „stille Vermögensrevolution“ zustande kam, welche Rolle insbesondere Wohneigentum und Altersvorsorge dabei spielten und weshalb eine langfristige Perspektive verbreitete Annahmen über eine stetig zunehmende Vermögensungleichheit in Frage stellt.

Liniendiagramm mit dem Titel „Beschleunigtes Wachstum der Vermögen in der breiten Bevölkerung im 20. Jahrhundert“. Dargestellt ist die Entwicklung des gesamten Vermögens der unteren 90 Prozent der Bevölkerung (graue Linie) und des obersten 1 Prozent (orange Linie) zwischen 1890 und 2010. Die Werte sind in Milliarden US-Dollar (Preisstand 2022) angegeben und beruhen auf dem ungewichteten Durchschnitt von sechs westlichen Ländern.

Zu Beginn des Betrachtungszeitraums verfügt das oberste 1 Prozent über ein deutlich höheres Vermögen als die unteren 90 Prozent. Bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts wachsen beide Vermögensgruppen nur moderat. Ab den 1950er-Jahren beschleunigt sich das Vermögenswachstum der unteren 90 Prozent jedoch deutlich. In den 1960er-Jahren übersteigt ihr Gesamtvermögen erstmals das des obersten Prozents und wächst anschließend wesentlich stärker.

Bis 2010 steigt das Vermögen der unteren 90 Prozent auf rund 9.000 Milliarden US-Dollar, während das Vermögen des obersten 1 Prozent etwa 6.500 Milliarden US-Dollar erreicht. Die Grafik verdeutlicht, dass das Vermögen der breiten Bevölkerung im Verlauf des 20. Jahrhunderts stärker zunahm als das des obersten Prozents und sich die Vermögensbasis dadurch deutlich verbreiterte.
Liniendiagramm mit dem Titel „Vermögensanteile des obersten einen Prozents in sechs westlichen Ländern zwischen 1895 und 2015“. Dargestellt ist der Anteil des gesamten privaten Vermögens, der vom reichsten Prozent der erwachsenen Bevölkerung gehalten wird, in Frankreich, Deutschland, Spanien, Schweden, dem Vereinigten Königreich und den USA. Die Werte sind in Prozent angegeben und als Fünfjahresdurchschnitte dargestellt.

In allen sechs Ländern hält das oberste Prozent zu Beginn des Betrachtungszeitraums einen sehr hohen Anteil am Gesamtvermögen. Um 1900 liegen die Werte je nach Land zwischen rund 45 und 70 Prozent. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts sinken die Vermögensanteile des obersten Prozents jedoch deutlich. Besonders stark fällt der Rückgang im Vereinigten Königreich, in Frankreich und Spanien aus. In den 1970er- und 1980er-Jahren erreichen die meisten Länder ihre niedrigsten Werte zwischen etwa 16 und 25 Prozent.

Seit den 1980er-Jahren ist in mehreren Ländern wieder ein moderater Anstieg zu beobachten. Die USA verzeichnen die stärkste Zunahme und erreichen bis 2015 einen Vermögensanteil des obersten Prozents von rund 35 Prozent. Deutschland, Frankreich und Schweden liegen zuletzt bei etwa 25 bis 28 Prozent. Das Vereinigte Königreich weist mit rund 21 Prozent den niedrigsten Wert auf.

Die Grafik zeigt einen langfristigen Rückgang der Vermögenskonzentration im 20. Jahrhundert, gefolgt von einer teilweisen Wiederzunahme seit den 1980er-Jahren. Trotz dieser Entwicklung bleiben die Vermögensanteile des obersten Prozents in allen Ländern deutlich unter dem Niveau zu Beginn des Betrachtungszeitraums.
Gruppiertes Balkendiagramm mit dem Titel „Vergleich der Steuereinnahmequellen“. Dargestellt werden die Steuereinnahmen verschiedener Steuerarten im Jahr 2024 als Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Frankreich, Deutschland, Schweden, dem Vereinigten Königreich und den USA. Verglichen werden Steuern auf Arbeit, Verbrauchsteuern, Kapitalsteuern und Erbschaftsteuern.

In allen fünf Ländern stellen Steuern auf Arbeit die mit Abstand wichtigste Einnahmequelle dar. Ihr Anteil liegt bei rund 15 bis 26 Prozent des BIP, wobei Frankreich die höchsten und die USA die niedrigsten Werte aufweisen. Verbrauchsteuern erreichen je nach Land etwa 4 bis 12 Prozent des BIP. Kapitalsteuern tragen zwischen rund 3 und 7 Prozent zum BIP bei und fallen besonders im Vereinigten Königreich und in den USA vergleichsweise hoch aus.

Erbschaftsteuern spielen dagegen in allen betrachteten Ländern nur eine sehr geringe Rolle. Ihr Aufkommen liegt deutlich unter einem Prozent des BIP und beträgt selbst in Frankreich weniger als ein Prozent. In Deutschland, Schweden, dem Vereinigten Königreich und den USA bewegen sich die Werte nahe null.

Die Grafik verdeutlicht, dass die öffentlichen Einnahmen in den betrachteten Ländern überwiegend aus Steuern auf Arbeit, Konsum und Kapital stammen, während Erbschaftsteuern im Vergleich nur einen sehr kleinen Beitrag zum Steueraufkommen leisten.

Wie wurde Wohlstand im Laufe der Zeit geschaffen?

Wohlstand in der Breite entstand nicht durch Umverteilung, sondern vor allem durch Wachstum. Das Pro-Kopf-Vermögen hat sich in den westlichen Gesellschaften in den letzten 130 Jahren real fast verzehnfacht. Allein seit 1980 hat sich diese Zahl um das Zwei- bis Dreifache erhöht. Wachstum und sinkende Ungleichheit gingen dabei Hand in Hand.

Den entscheidenden Anstoß gaben die demokratischen Veränderungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Sie weiteten Eigentumsrechte aus und lösten Bildungs- und Arbeitsmarktreformen aus, die Produktivität und Einkommen der Arbeiterklasse steigerten und damit ihre Fähigkeit, überhaupt Vermögen aufzubauen. Die wichtigsten Vermögensformen wurden dabei Wohneigentum und Altersvorsorge, teils gefördert durch gezielte politische Maßnahmen.

Begünstigt die Marktwirtschaft automatisch die Vermögenskonzentration?

Nein, die Arbeit stellt diese verbreitete These in Frage. Vermögensaufbau ist in freien Marktwirtschaften eine positive Kraft, die den Wohlstand steigert und eng mit dem Wachstum erfolgreicher Unternehmen verknüpft ist. Diese sorgen für Arbeitsplätze, höhere Einkommen und mehr Steuereinnahmen. Damit ermöglichen sie auch die Vermögensbildung in der breiten Bevölkerung. Zentrale Triebkräfte für die Vermögensangleichung zwischen reicheren und ärmeren Schichten sind Wohneigentum und Altersvorsorge. Die Marktwirtschaft macht die Menschen also reicher und gleicher.

Ist die Erbschaftsteuer ein wirksames Instrument zur Verringerung von Vermögensungleichheit?

Nein, die Erbschaftsteuer ist eher kein wirksames Instrument zur Verringerung von Vermögensungleichheit.

Sie funktioniert in der Praxis selten so, wie sie gedacht ist. Für viele Vermögenswerte, vor allem bei nicht börsennotierten Unternehmen, sind Bewertungen schwierig. Erben können mit hohen Steuerforderungen auf Vermögen konfrontiert werden, das sich nicht ohne Weiteres liquidieren lässt, weil es zum Beispiel in Betrieben gebunden ist. Das kann Unternehmen in Bedrängnis bringen oder sogar deren Existenz gefährden. Daher werden häufig Ausnahmen und Abschläge gewährt, deren Treffsicherheit aber immer wieder Gegenstand von Diskussionen ist.

Die Studienergebnisse zeigen zudem, dass die Erbschaftsteuer weder nennenswerte Einnahmen erzielt noch die Vermögensverteilung spürbar verändert. Daher haben sich viele Staaten von ihr verabschiedet: Seit 1975 ist die Zahl der Länder, die eine Erbschaftsteuer erheben, deutlich zurückgegangen: weltweit von 63 auf 45 und innerhalb der OECD von 28 auf 18.

Welche Handlungsempfehlungen können aus den Befunden abgeleitet werden?

Es ergeben sich fünf Implikationen für die Ausgestaltung politischer Maßnahmen, um die positive Entwicklung weiter voranzutreiben:

  1. Die Annahme eines Verteilungskonflikts, bei dem die Gewinne der einen zwangsläufig die Verluste der anderen bedeuten, greift zu kurz. Wohlstand der Reichen und der übrigen Gesellschaft können gleichzeitig wachsen und tun es oft. Diese Erkenntnis ist Grundlage aller weiteren Empfehlungen.
  2. Privates Wohneigentum sollte aktiv gefördert werden, zum Beispiel durch den Bau von Eigentumswohnungen oder die Subventionierung von Hypotheken. Immobilien haben sich historisch als rentable Anlage erwiesen und tragen zur Vermögensbildung in der Mittelschicht bei.
  3. Die Altersvorsorge muss stärker auf kapitalgedeckte Systeme umgestellt werden. Anders als umlagefinanzierte Rentensysteme, die in Phasen des wirtschaftlichen Abschwungs unter Druck geraten, investieren kapitalgedeckte Fonds an den Finanzmärkten und erzielen langfristig stabile Renditen bei breiter Risikostreuung.
  4. Die Besteuerung von Arbeit muss im Rahmen der Vermögensangleichung eine konstruktive Rolle spielen: Zwar sind die Steuern auf Arbeit sind für die Finanzierung öffentlicher Leistungen notwendig, bremsen aber den Vermögensaufbau in der Breite. Ein höheres Nettoeinkommen beschleunigt die Vermögensbildung der Mittelschicht.
  5. Schließlich muss die Kapitalbesteuerung überdacht werden. Vermögen- und Erbschaftsteuern haben historisch kaum zur Angleichung beigetragen und sind praktisch schwer umsetzbar. Wirkungsvoller sind Kapitalertragsteuern, die sich an der tatsächlichen Zahlungsfähigkeit des Eigentümers orientieren und auch Zufallsgewinne erfassen.
Datum
12.6.2026, München

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