Der Westen hat den Reichtum demokratisiert
Das bekannte Narrativ lautet: Die Marktwirtschaft führt zu einer sich stetig verstärkenden Ungleichheit in der Vermögensausstattung der Bevölkerung. Doch eine neue wirtschaftshistorische Betrachtung liefert eine überraschend andere Erkenntnis: In der westlichen Welt sind die Menschen in den vergangenen hundert Jahren reicher und gleicher geworden.



München, den 12. Juni 2026. Immobilienbesitz und Altersvorsorge sind die großen Treiber für wachsenden und gerechter verteilten Wohlstand in der Gesellschaft. Das ist die These von Professor Daniel Waldenström vom Stockholmer Research Institute of Industrial Economics. Nicht weniger Reiche im Land führten zu mehr Vermögensgleichheit, sondern mehr Vermögensbildung bei ganz normalen Leuten – ermöglicht durch Wirtschaftswachstum und wachsenden Wohlstand für alle. Und dieser Vermögensaufbau beflügelt wiederum die Wirtschaft.
Der schwedische Ökonom betrachtet nicht nur die Historie der Vermögensentwicklung, sondern zieht daraus Lehren für die Zukunft: Vermögensbildung in breiten Schichten sorgt für mehr Gerechtigkeit und sollte staatlich gefördert werden: durch leichteren Zugang zu Baukrediten, Anreize für private Kapitalanlagen und nicht zuletzt durch weniger Steuern auf Arbeitseinkommen. Die Stiftung Familienunternehmen veröffentlicht sein Essay dazu inmitten einer gesellschaftlichen Debatte zu gerechter Besteuerung und der richtigen Reform der Sozialsysteme.
Waldenströms Daten zufolge hat sich seit Ende des 19. Jahrhunderts der Reichtum demokratisiert. Über zwei Weltkriege hinweg, später mit Technisierung, Deregulierung und Globalisierung ist das Vermögen der weniger Reichen im 20. Jahrhundert stärker gewachsen als das der sehr Reichen. Dadurch sei die Vermögenskonzentration in Westeuropa und den USA sehr stark gesunken, auch in Deutschland.
Deutschland hat Nachholbedarf
Allerdings ist der Besitz einer eigenen Immobilie in Deutschland (49 Prozent Eigenheimquote) weniger verbreitet als in Frankreich, Schweden oder den USA. Auch die private Altersvorsorge am Kapitalmarkt hinkt in Deutschland noch hinterher, weil die Anreize fehlen. Grund dafür sind die Altersbezüge aus der umlagefinanzierten Rentenversicherung, an der Deutschland bis heute festgehalten hat. (Diese Rentenansprüche müssen laut Waldenström in eine Betrachtung zu gerechter Vermögensverteilung stets mit einbezogen werden.)
Waldenström widmet sich auch dem Thema Erbe. Er bestreitet nicht, dass Erbschaften Einfluss auf die Chancengerechtigkeit haben können, zum Beispiel beim Thema Bildung. Allerdings hält er Investitionen in frühkindliche Bildung für zielführender als Erbschaftsteuern, die es in seiner Heimat Schweden seit 2005 ja auch nicht mehr gibt.
Er hält solche Substanzsteuern, zu denen auch eine Vermögensteuer zählen würde, für nicht besonders effektiv: wegen der schwierigen Bewertung, der komplizierten Ausgestaltung der Steuern bei gleichzeitig geringem Aufkommen sowie der schädlichen Wirkungen auf Investitionen und die Nachfolge in Familienunternehmen. Wenn der Faktor Kapital sinnvoll besteuert werden solle, dann gehe das klarer und gerechter durch die Besteuerung von Unternehmenserträgen, Dividenden und realisierten Kursgewinnen.
Eine steigende Flut hebt alle Boote. Dieses Kennedy-Zitat im Text von Professor Waldenström ist unverändert aktuell. Statt wirtschaftlichen Erfolg von Familienunternehmen zu bestrafen, sollten alle Menschen die Chance bekommen, an ihm teilzuhaben und auch selbst ihren Kindern etwas zu hinterlassen.
Prof. Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen
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