Der Westen hat den Reichtum demokratisiert

Mehr Gerechtigkeit durch Vermögensbildung bei allen

Das bekannte Narrativ lautet: Die Marktwirtschaft führt zu einer sich stetig verstärkenden Ungleichheit in der Vermögensausstattung der Bevölkerung. Doch eine neue wirtschaftshistorische Betrachtung liefert eine überraschend andere Erkenntnis: In der westlichen Welt sind die Menschen in den vergangenen hundert Jahren reicher und gleicher geworden.

Liniendiagramm mit dem Titel „Historischer Anstieg des durchschnittlichen Vermögens in sechs westlichen Ländern, 1890–2020“. Dargestellt wird das durchschnittliche Vermögen pro Erwachsenem in konstanten US-Dollar (Preisstand 2020) als Fünfjahresdurchschnitt für Frankreich, Deutschland, Spanien, Schweden, das Vereinigte Königreich und die USA.

In allen sechs Ländern steigt das durchschnittliche Vermögen langfristig deutlich an. Nach vergleichsweise niedrigen und teilweise schwankenden Vermögensniveaus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschleunigt sich das Wachstum insbesondere seit den 1970er- und 1980er-Jahren. Die Vermögenswerte steigen von meist unter 100.000 US-Dollar pro Erwachsenem auf Werte zwischen rund 200.000 und über 400.000 US-Dollar im Jahr 2020.

Die USA verzeichnen den stärksten Anstieg und erreichen 2020 mit etwas mehr als 400.000 US-Dollar pro Erwachsenem den höchsten Wert. Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich liegen zum Ende des Betrachtungszeitraums bei rund 300.000 US-Dollar. Spanien erreicht etwa 250.000 US-Dollar, während Schweden mit rund 210.000 US-Dollar den niedrigsten Wert der dargestellten Länder aufweist.

Die Grafik verdeutlicht einen langfristigen Vermögenszuwachs in allen betrachteten westlichen Ländern, besonders seit dem späten 20. Jahrhundert. Die Vermögensniveaus entwickeln sich zwar unterschiedlich, zeigen jedoch überall einen klaren Aufwärtstrend.
Gestapelte Flächengrafik mit dem Titel „Wandel des Vermögens in sechs westlichen Ländern, 1900–2000“. Dargestellt werden die durchschnittlichen Anteile verschiedener Vermögensarten am Gesamtvermögen privater Haushalte in Frankreich, Deutschland, Spanien, Schweden, dem Vereinigten Königreich und den USA. Die sechs Ländergrafiken zeigen den Anteil von Immobilienvermögen (orange), kapitalgedecktem Rentenvermögen (grau) und sonstigen Vermögenswerten (braun) zwischen 1900 und 2000.

In allen Ländern steigt der Anteil des Immobilienvermögens im Verlauf des 20. Jahrhunderts deutlich an. Besonders ausgeprägt ist dieser Anstieg in Deutschland und Spanien, wo Immobilien gegen Ende des Betrachtungszeitraums rund zwei Drittel bis drei Viertel des Vermögens ausmachen. Das kapitalgedeckte Rentenvermögen gewinnt vor allem im Vereinigten Königreich, in Schweden und den USA an Bedeutung und erreicht dort gegen Ende des Jahrhunderts etwa 20 bis 35 Prozent des Vermögens. Entsprechend sinkt der Anteil der sonstigen Vermögenswerte in allen Ländern. Die Entwicklung verläuft jedoch je nach Land unterschiedlich stark und teilweise mit deutlichen Schwankungen.

Hinweis unter der Grafik: Die Abbildung zeigt die durchschnittlichen Vermögensanteile privater Haushalte in einer Kernstichprobe aus sechs westlichen Ländern. Immobilienvermögen umfasst Gebäude und Grundstücke; kapitalgedecktes Rentenvermögen umfasst betriebliche und private Altersvorsorge sowie Versicherungssparen.
Liniendiagramm mit dem Titel „Vermögensanteile des obersten einen Prozents in sechs westlichen Ländern zwischen 1895 und 2015“. Dargestellt ist der Anteil des gesamten privaten Vermögens, der vom reichsten Prozent der erwachsenen Bevölkerung gehalten wird, in Frankreich, Deutschland, Spanien, Schweden, dem Vereinigten Königreich und den USA. Die Werte sind in Prozent angegeben und als Fünfjahresdurchschnitte dargestellt.

In allen sechs Ländern hält das oberste Prozent zu Beginn des Betrachtungszeitraums einen sehr hohen Anteil am Gesamtvermögen. Um 1900 liegen die Werte je nach Land zwischen rund 45 und 70 Prozent. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts sinken die Vermögensanteile des obersten Prozents jedoch deutlich. Besonders stark fällt der Rückgang im Vereinigten Königreich, in Frankreich und Spanien aus. In den 1970er- und 1980er-Jahren erreichen die meisten Länder ihre niedrigsten Werte zwischen etwa 16 und 25 Prozent.

Seit den 1980er-Jahren ist in mehreren Ländern wieder ein moderater Anstieg zu beobachten. Die USA verzeichnen die stärkste Zunahme und erreichen bis 2015 einen Vermögensanteil des obersten Prozents von rund 35 Prozent. Deutschland, Frankreich und Schweden liegen zuletzt bei etwa 25 bis 28 Prozent. Das Vereinigte Königreich weist mit rund 21 Prozent den niedrigsten Wert auf.

Die Grafik zeigt einen langfristigen Rückgang der Vermögenskonzentration im 20. Jahrhundert, gefolgt von einer teilweisen Wiederzunahme seit den 1980er-Jahren. Trotz dieser Entwicklung bleiben die Vermögensanteile des obersten Prozents in allen Ländern deutlich unter dem Niveau zu Beginn des Betrachtungszeitraums.

München, den 12. Juni 2026. Immobilienbesitz und Altersvorsorge sind die großen Treiber für wachsenden und gerechter verteilten Wohlstand in der Gesellschaft. Das ist die These von Professor Daniel Waldenström vom Stockholmer Research Institute of Industrial Economics. Nicht weniger Reiche im Land führten zu mehr Vermögensgleichheit, sondern mehr Vermögensbildung bei ganz normalen Leuten – ermöglicht durch Wirtschaftswachstum und wachsenden Wohlstand für alle. Und dieser Vermögensaufbau beflügelt wiederum die Wirtschaft.

Der schwedische Ökonom betrachtet nicht nur die Historie der Vermögensentwicklung, sondern zieht daraus Lehren für die Zukunft: Vermögensbildung in breiten Schichten sorgt für mehr Gerechtigkeit und sollte staatlich gefördert werden: durch leichteren Zugang zu Baukrediten, Anreize für private Kapitalanlagen und nicht zuletzt durch weniger Steuern auf Arbeitseinkommen. Die Stiftung Familienunternehmen veröffentlicht sein Essay dazu inmitten einer gesellschaftlichen Debatte zu gerechter Besteuerung und der richtigen Reform der Sozialsysteme.

Waldenströms Daten zufolge hat sich seit Ende des 19. Jahrhunderts der Reichtum demokratisiert. Über zwei Weltkriege hinweg, später mit Technisierung, Deregulierung und Globalisierung ist das Vermögen der weniger Reichen im 20. Jahrhundert stärker gewachsen als das der sehr Reichen. Dadurch sei die Vermögenskonzentration in Westeuropa und den USA sehr stark gesunken, auch in Deutschland.

Deutschland hat Nachholbedarf
Allerdings ist der Besitz einer eigenen Immobilie in Deutschland (49 Prozent Eigenheimquote) weniger verbreitet als in Frankreich, Schweden oder den USA. Auch die private Altersvorsorge am Kapitalmarkt hinkt in Deutschland noch hinterher, weil die Anreize fehlen. Grund dafür sind die Altersbezüge aus der umlagefinanzierten Rentenversicherung, an der Deutschland bis heute festgehalten hat. (Diese Rentenansprüche müssen laut Waldenström in eine Betrachtung zu gerechter Vermögensverteilung stets mit einbezogen werden.)

Waldenström widmet sich auch dem Thema Erbe. Er bestreitet nicht, dass Erbschaften Einfluss auf die Chancengerechtigkeit haben können, zum Beispiel beim Thema Bildung. Allerdings hält er Investitionen in frühkindliche Bildung für zielführender als Erbschaftsteuern, die es in seiner Heimat Schweden seit 2005 ja auch nicht mehr gibt.

Er hält solche Substanzsteuern, zu denen auch eine Vermögensteuer zählen würde, für nicht besonders effektiv: wegen der schwierigen Bewertung, der komplizierten Ausgestaltung der Steuern bei gleichzeitig geringem Aufkommen sowie der schädlichen Wirkungen auf Investitionen und die Nachfolge in Familienunternehmen. Wenn der Faktor Kapital sinnvoll besteuert werden solle, dann gehe das klarer und gerechter durch die Besteuerung von Unternehmenserträgen, Dividenden und realisierten Kursgewinnen.

Eine steigende Flut hebt alle Boote. Dieses Kennedy-Zitat im Text von Professor Waldenström ist unverändert aktuell. Statt wirtschaftlichen Erfolg von Familienunternehmen zu bestrafen, sollten alle Menschen die Chance bekommen, an ihm teilzuhaben und auch selbst ihren Kindern etwas zu hinterlassen.

Prof. Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen

Teaserbild © iStock / querbeet

Cor­ne­lia Knust​

Leiterin Kommunikation​
Datum
12.6.2026, München

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