Bildung in der Krise – ob Familienunternehmen helfen können?

Ein Bildungsunternehmer über die Rolle von Familienunternehmen

von Dr. David Klett
Vorstand der Ernst Klett AG

Die jüngsten internationalen und nationalen Vergleichsstudien zeigen deutlich: Die Schülerleistungen in Deutschland nehmen seit Jahren signifikant ab. So weist die aktuelle PISA 2022 Erhebung aus, dass deutsche 15 Jährige in den Kompetenzbereichen Mathematik und Lesen im Vergleich zur vorherigen Erhebung merklich schlechter abgeschnitten haben. Es geht seit 2012 nur noch ein eine Richtung: abwärts.

Dr. David Klett, Vorstand der Ernst Klett AG
Dr. David Klett, Vorstand der Ernst Klett AG
© Klett Gruppe

Für Grundschüler zeigt die IGLU 2021 („Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung“) alarmierende Befunde: Die mittlere Lesekompetenz der Viertklässler liegt in Deutschland deutlich unter den früheren Werten – ein signifikanter Rückgang gegenüber 2016 und 2001. Rund ein Viertel der Grundschulkinder erreicht mittlerweile nicht die Kompetenzstufe, die als Mindestvoraussetzung für den Übergang vom Lesenlernen zum „Lesen, um zu lernen“ gilt. Gleichzeitig verlassen jährlich rund 47.500 Jugendliche die allgemeinbildenden Schulen ohne mindestens einen Hauptschulabschluss – etwa 6,2 % eines Jahrgangs. Dieser Anteil liegt seit über einem Jahrzehnt auf bedenklich hohem Niveau. Wo man auch hinschaut: Es gibt, was die Entwicklung von Schülerleistungen anbelangt, eine Schreckensnachricht nach der anderen – nur der öffentliche Aufschrei bleibt aus, vielleicht weil sich schon alle dran gewöhnt haben.

Stress im System

Die Ursachen für die Negativentwicklung sind komplex und vielfältig. In den einschlägigen Studien werden unter anderem genannt: ein anhaltender Lehrermangel, insbesondere an qualifizierten Fach- und Förderlehrkräften und das besonders in den mittleren Schularten, wo die Probleme am größten sind; zunehmende Heterogenität in den Klassen; Sprachdefizite und sozioökonomische Herausforderungen, die den Unterricht erheblich erschweren. Die COVID 19 Pandemie hat die Lage zusätzlich verschärft: Schulschließungen, unzureichende technische Ausstattung und fehlende individuelle Betreuung haben zu deutlichen Lernrückständen geführt. Hinzu kommen ein exzessiver Smartphone- und Mediengebrauch, der Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit mindert. Erste Hinweise deuten zudem darauf hin, dass ChatGPT und Co. kurzfristig nicht automatisch zu besseren Lernergebnissen führen und im Gegenteil bestehende Wissenslücken kaschieren können. Wir sprechen von „Stress im System“, weil so viele Problemfaktoren gleichzeitig zusammenkommen, von denen schon jeder einzelne bereits eine riesige Herausforderung wäre.

Als Bildungsunternehmer bin ich unmittelbar am Bildungsgeschehen beteiligt. Mit guten Bildungsmedien und Unterstützungsangeboten aller Art können wir Verlage entlasten und befähigen, aber keines der genannten Probleme lösen. Ich verfolge diese Entwicklung der Bildung in Deutschland mit großer Sorge – und einer gewissen Hoffnungslosigkeit. Im Austausch mit Lehrkräften, Schulleitungen und Vertretern der Bildungspolitik und -verwaltung zeigt sich, wie schwer es Bildungssystemen fällt, notwendige Veränderungen anzugehen. Ich kenne niemanden, der mit der aktuellen Lage zufrieden ist, alle sehen dringenden Handlungsbedarf. Nur echte Veränderung fällt schwer: Schule wird durch ein Dickicht von Gesetzen und Verordnungen gesteuert, das kaum zu überblicken und nur langsam zu reformieren ist.

Gefangen im Dickicht von Regeln und Zuständigkeiten

Das gilt auch für die mächtige Verwaltungsbürokratie, die in 16 Bundesländern über 8 Mio. Schülerinnen und Schüler, 800.000 Lehrkräfte in rund 32.000 allgemeinbildenden Schulen organisiert. Reformen dauern zu lange, notwendige strukturelle Anpassungen werden häufig nur halbherzig angegangen oder fallen gleich ganz dem politischen Zank zum Opfer. Währenddessen schmeißen immer mehr Lehrkräfte hin und verzichten auf den ach so attraktiven Beamtenstatus. Ich habe wenig Hoffnung, dass sich der Verfall unseres Bildungssystems kurz- oder mittelfristig umkehren lässt. Im Gegenteil: Wenn sich die Rahmenbedingungen nicht grundlegend ändern, werden die Ergebnisse von PISA, IGLU usw. noch schlechter ausfallen. Eine Katastrophe für tausende Kinder und Jugendliche, eine Katastrophe für den Standtort Deutschland und für unsere Gesellschaft!

Viele Leserinnen und Leser werden ähnlich empfinden: Man steht dieser Entwicklung machtlos gegenüber und hat das Gefühl, wenig beitragen zu können. Doch gibt es in Deutschland zahlreiche Schulen, die unter schwierigsten Bedingungen Phantastisches leisten. Was sie verbindet, ist fast immer ein engagiertes Kollegium – und eine mutige, zupackende Schulleitung. Nicht selten sehe ich, dass solche Schulen eng mit lokalen Unternehmen zusammenarbeiten. Diese unterstützen mit Rat, mit Kontakten und natürlich auch mit Geld. Mein – zugegeben verwegener – Gedanke lautet daher: Was wäre, wenn alle Familienunternehmen in Deutschland aktiv Kontakt zu Schulen in ihrer Umgebung aufnähmen und ihre Unterstützung anböten? Vielleicht ließe sich so doch etwas bewegen. Bildung ist nicht allein staatliche Aufgabe – vielleicht könnten auch mehr Familienunternehmen einen wertvollen und wirksamen Beitrag leisten.

Die Unternehmensgruppe Klett ist ein führendes Bildungsunternehmen in Europa und ist international in 24 Ländern vertreten. Das Angebot umfasst klassische und moderne Bildungsmedien für den Schulalltag sowie die Unterrichtsvorbereitung, Fachliteratur und Schöne Literatur. Darüber hinaus betreibt die Klett Gruppe zahlreiche Bildungseinrichtungen von Kindertagesstätten über Schulen bis hin zu Fernschulen, Fernfach- und Präsenzhochschulen. Dr. David Klett ist seit 2020 Mitglied im Vorstand der Klett Gruppe und seit 2014 Geschäftsführer der Klett Lernen und Information GmbH.

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