Geschichte der Familienunternehmen

Die deutsche Wirtschaftsgeschichte ist im Wesentlichen eine Geschichte der Familienunternehmen. Sie prägen die Unternehmenslandschaft. Doch wie kam es dazu? Die wirtschaftshistorische Forschung zeigt, dass sich eine spezifische Unternehmenslandschaft nicht von heute auf morgen formt, sondern sich über Jahrhunderte hinweg herausbildet. Mehrere Studienprojekte der Stiftung Familienunternehmen untersuchen vor diesem Hintergrund die historischen Wurzeln von Familienunternehmen – in Deutschland sowie darüber hinaus.

 

Die ältesten Familienunternehmen in Deutschland
Erfolgsgeschichten - über Jahrhunderte hinweg geschrieben
Ein wirtschaftshistorischer Vergleich zwischen Deutschland und den USA
Unterschiedliche Firmengeschichten auf beiden Seiten des Atlantiks
Material zum Thema Geschichte der Familienunternehmen

 

Die ältesten Familienunternehmen in Deutschland

Die ältesten Familienunternehmen, die sich am längsten im Besitz einer oder mehrerer miteinander verbundenen Familien befinden und durchgängig wirtschaftsaktiv waren, sind die 1502 gegründete The Coatinc Company Holding GmbH aus Siegen, die William Prym Holding GmbH (1530) aus Stolberg sowie die Freiherr von Poschinger Glasmanufaktur e. K. (1568) aus Frauenau. Neun der ältesten deutschen Familienbetriebe sind bereits seit mehr als 400 Jahren in Familienhand. Das geht aus umfassenden Recherchen der Stiftung Familienunternehmen hervor.

Basis der Recherche sind einschlägige Datenbanken, öffentlich zugängliche Quellen, Firmenchroniken sowie die Studienreihe „Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Familienunternehmen“, die im Stiftungsauftrag erstellt wird. Im „Haus des Familienunternehmens“ unterhält die Stiftung die größte Sammlung an Chroniken von Familienbetrieben in Deutschland.

„Die Erhebung zeigt, dass Familienunternehmen ein untrennbarer Teil unserer Gesellschaft sind. Sie sind im Grunde die Urform des Wirtschaftens überhaupt.“
Stefan Heidbreder,
Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen

Die Daten machen deutlich, wie stark Familienunternehmen die Wirtschaftsgeschichte in Deutschland mitgestaltet haben. Sie können dabei helfen, heutige wirtschaftspolitische Maßnahmen bezogen auf die Landschaft an Familienunternehmen und ihre Besonderheit einzuordnen.

 

Erfolgsgeschichten - über Jahrhunderte hinweg geschrieben

Bei manchen Unternehmen kamen neue Erkenntnisse zur Unternehmensgeschichte zutage. Im Falle von The Coatinc Company etwa führte der Generationenwechsel von Klaus auf Paul Niederstein in Verbindung mit einem Buchprojekt zu einer intensiven Beschäftigung mit der Unternehmensgeschichte. Historische Recherchen der Eigner zeigten, dass die Vorfahren bereits 1502 eine Stahlschmiede in Siegen betrieben haben. Auch heute noch bestimmt Stahl das Geschäftsmodell der Unternehmensgruppe.

Die Geschichte der ältesten Familienfirmen ist reich an spannenden Wendungen und Anekdoten. Die Kupfermeisterfamilie Prym zog im 30-Jährigen Krieg, als ihr wegen ihrer protestantischen Konfession das Zunftrecht entzogen wurde, von Aachen nach Stolberg. Noch heute hat das Unternehmen in diesem Ort den Hauptsitz. Die Prym Group hat rund 3.600 Beschäftigte.

Die ältesten Familienunternehmen bewahren nicht nur ihre Traditionen, sondern gehen ebenso mit der Zeit. Auch das zeigt der Blick in die Unternehmensgeschichte. Das Familienunternehmen Merck, das aus einer kleinen Apotheke in Darmstadt hervorging, ist heute ein führender Hersteller von Arzneimitteln, Life-Science-Produkten und Performance Materials mit fast 60.000 Beschäftigten. Die Glockengießerei Rincker GmbH wendet 3D-Drucktechnik zur Herstellung von Kleinserien und Prototypen an. Die einstige Gießhütte Siedle ist ein führender Hersteller von Gebäudekommunikation mit mehr als 550 Mitarbeitern. Der Walzenhersteller Felix Böttcher (mehr als 2000 Mitarbeiter) kommt ursprünglich aus dem Lederhandwerk. Auch Firmen, die ihrem ursprünglichen Geschäftszweig treu bleiben - J. D. Neuahus stellt seit 1745 Kräne und Hebesysteme her – sichern sich durch kontinuierliche Innovation ihre Marktstellung.

Die Liste der ältesten industriellen Familienunternehmen Deutschlands steht hier zum Download.

 

Ein wirtschaftshistorischer Vergleich zwischen Deutschland und den USA

In Deutschland konnten viele Familienunternehmen über Generationen hinweg zu international erfolgreichen Unternehmen gedeihen, in den USA hingegen haben sie eine geringere volkswirtschaftliche Bedeutung. Die Wirtschaftshistoriker Prof. Dr. Hartmut Berghoff (Universität Göttingen) und PD Dr. Ingo Köhler (Humboldt-Universität Berlin) befassen sich mit den Gründen für diese historisch gewachsenen Unterschiede. Sie untersuchten dafür fast 250 Jahre Wirtschaftsgeschichte in den USA und Deutschland.

Betrachtet man die 200 größten Unternehmen, so entfällt in Deutschland ein gutes Fünftel (21 Prozent) auf Familienbetriebe. In den USA sind es dagegen nur 6,5 Prozent. Deutsche Familienunternehmen zeichnen sich zudem durch Langlebigkeit und Kontinuität aus. Vergleicht man die größten Familienunternehmen in beiden Ländern, beträgt das Durchschnittsalter der deutschen Unternehmen 101,8 Jahre. In den USA sind es nur 74,5 Jahre.

Der Blick in die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass sich in einer Gesellschaft nur über einen langen Zeitraum die jeweils passende Unternehmenslandschaft herausbildet.

„Man kann eine Unternehmenslandschaft nicht vom Reißbrett planen. Sie formt sich über Jahrhunderte hinweg und ist immer auch ein Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaft. Doch es ist vergleichsweise leicht, sie durch falsche politische Rahmenbedingungen zu zerstören. Die Erhebung einer drakonischen Erbschaftsteuer in den USA seit dem Zweiten Weltkrieg macht das deutlich: Sie besiegelte das Ende vieler Familienunternehmen.“
Professor Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen

Die Wissenschaftler zeigen detailliert auf, wie sich in beiden Ländern im Laufe der Geschichte so unterschiedliche Landschaften entwickeln konnten. In Deutschland haben handwerkliche Traditionen sowie eine gute Ausbildung dazu beigetragen, dass sich mittelständische Unternehmen eine hohe technische Expertise aneigneten.

Demgegenüber galt Amerika traditionell als Land der Möglichkeiten, in dem Einzelne oft versuchen, ein Unternehmen zu gründen – und es zu Lebzeiten wieder zu verkaufen. Der stete Strom von Einwanderern und die Weite des Landes ermöglichten seit jeher eine ständige Mobilität und schufen viele Möglichkeiten für Unternehmensgründungen.

 

Unterschiedliche Firmengeschichten auf beiden Seiten des Atlantiks

 

Campus Buch - Verdienst und Vermächtnis

Die wirtschaftshistorische Studie ist im September 2020 auch als Buch im Campus-Verlag erschienen.

Die Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks reagierten unterschiedlich auf die jeweiligen Marktbedingungen. Die deutschen Unternehmen konzentrierten sich mit ihrer generationenübergreifenden Expertise und wegen des vergleichsweise kleinen Absatzmarkts auf den Export technologisch hochwertiger Produkte - sie wurden so Vorläufer der heutigen "Hidden Champions". Damit bezeichnet man in Nischen besonders erfolgreiche, mittelständische Unternehmen. Die Amerikaner setzten eher auf den riesigen Binnenmarkt und die Massenproduktion nach dem Vorbild Henry Fords.

Hinzu kamen politische Gründe. Deutschland verfolgte lange Zeit eine Politik zugunsten des sogenannten Mittelstands. Damit sollten auch damalige Defizite des Kapitalmarkts ausgeglichen werden.

In den USA hingegen wurde die Förderung mittelständischer Unternehmen nur halbherzig betrieben. Da die Bedeutung des Bankkredits geringer war, besorgten sich viele Unternehmen Kapital an den Börsen. Auch steuerpolitische Gründe spielten eine maßgebliche Rolle, zeigt die historische Forschung.

Die USA führten während des Zweiten Weltkriegs eine hohe Erbschaftsteuer ein, die mit Spitzensätzen von 77 Prozent der Studie zufolge „konfiskatorische Züge“ trug. Diese Steuer habe viele Familienunternehmer zum „Ausverkauf und zum Wechsel in andere Vermögensklassen“ veranlasst. Unternehmen sei zudem im „massiven Umfang“ Liquidität entzogen worden. Dieser Zusammenhang wird auch von anderen Wirtschaftshistorikern betont.

Die Unterschiede zwischen den Unternehmenslandschaften sind auch kulturell und gesellschaftlich tief verankert. „In Deutschland blieb die Verbindung von Unternehmen und Familien enger. Das hing mit dem ausgeprägten Individualismus und der höheren sozialen Mobilität in den USA zusammen, aber auch mit der allgemein weniger stark als in Deutschland ausgeprägten Mentalität, langfristig zu denken und den eigenen Kindern etwas hinterlassen zu wollen“, heißt es in der Studie.