Wissenschaftlicher Beirat: Was der Standort gerade verschenkt

Freierer Arbeitsmarkt brächte mehr Effizienz und Entfaltung

Alle reden von Reformen, aber es bewegt sich nicht viel. Gerade mit Blick auf den Arbeitsmarkt verschenken Deutschland und Europa viel Potenzial für Wohlstand und Resilienz. Der Wissenschaftliche Beirat der Stiftung Familienunternehmen fordert: Die Welt von gestern sollte zum Teil überwunden, zum Teil erst recht gestärkt werden.

Berlin, den 11. Mai 2026. Deutschland muss seinen Arbeitsmarkt mit Blick auf Künstliche Intelligenz (KI) neu organisieren und den Kündigungsschutz an bestimmten Stellen abmildern. Die Europäische Union (EU) und ihre Mitgliedstaaten müssen die seit langem garantierte Freizügigkeit von Arbeitskräften endlich mit Leben füllen und über eine echte Mobilitätsbereitschaft nach US-Vorbild Produktivitätsreserven heben.

Das meinen die Professoren Clemens Fuest und Gabriel Felbermayr im neuen Jahresheft des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Familienunternehmen, das heute in Berlin vorgestellt wurde. Beide fordern, die Menschen weiterzubilden und die Risiken für persönliche Veränderung abzubauen: Damit der Faktor Arbeit in den Regionen und Sektoren zum Einsatz kommt, wo er am produktivsten ist.

Felbermayr verweist auf Studien, wonach eine realistische Verbesserung der Arbeitskräftemobilität innerhalb der EU einen Zuwachs von 1,8 Prozent beim realen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bewirke. Auch KI könnte den Unternehmen große Produktivitätsgewinne bringen, die am Ende mehr Wohlstand für alle bedeuten. Doch Fuest warnt vor überzogenen Erwartungen an das BIP-Wachstum. Zugleich hält er es für wenig wahrscheinlich, dass durch KI eine Massenarbeitslosigkeit droht. Es geht eher um die Veränderung von Tätigkeiten und Berufen. Die Rolle des Staates sieht Fuest darin, den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren sowie in Forschung und Datenräume zu investieren.

Schonende Gesetzgebung und Stärkung von Familienunternehmen
Unter dem Titel „Arbeit neu denken“ sprechen die Mitglieder des Beirats aber nicht nur von drastischer Veränderung, sondern auch davon, sich auf alte Stärken der Bundesrepublik Deutschland zu besinnen.

Der Verfassungsrechtler Udo Di Fabio erinnert daran, dass Koalitionsfreiheit und Tarifautonomie dem Land Wohlstand und dem Einzelnen Entfaltung gebracht haben. Dass diese Selbststeuerung schwächer geworden ist, habe den Staat auf den Plan gerufen – mit immer mehr Gesetzen und überbordenden Sozialsystemen. Das nehme dem Arbeitsmarkt Elastizität und den Beschäftigten Beweglichkeit. Di Fabio plädiert für eine „schonende Gesetzgebung“, also eine kluge und konsistente Neu-Balancierung von Schutzbelangen und Entfaltungsräumen.

Als Experte für Familienunternehmen weist Professor Kay Windthorst auf die starke integrative Kraft dieses traditionsreichen und in Deutschland vorherrschenden Unternehmenstyps hin, gerade im ländlichen Raum. Mit ihrer Standorttreue, ihrer Verantwortung für die Region, ihrem wertebasierten, langfristig orientierten Handeln könnten Familienunternehmen Orientierung liefern und antidemokratischen Tendenzen entgegenwirken. Deswegen gelte es, diesen Unternehmenstypus zu stärken, die Infrastruktur im ländlichen Raum zu verbessern, die duale Ausbildung weiterzuentwickeln und – keine weiteren Substanzsteuern zu erheben.

Das Jahresheft unseres wissenschaftlichen Beirats enthält wichtige Denkanstöße für die Politik. Die Klammer der vier Aufsätze: Die Autonomie der Akteure sollte im Mittelpunkt stehen. Impulse für Wachstum und Wohlstand entstehen nicht aus ängstlichem Aktionismus des Staates, sondern aus der Anpassungsfähigkeit und dem Ideenreichtum der Wirtschaftssubjekte.

Professor Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen

Teaserbild © iStock / gorodenkoff

Cor­ne­lia Knust​

Leiterin Kommunikation​

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