Es gibt den Wachstumspfad für Deutschland

Fünf Hebel für mehr Produktivität und Wohlstand

Die Bundesregierung hat Reformen präsentiert. Doch statt den Mangel zu verwalten, sollte sie lieber Fantasie und ein Zielbild für die Zukunft entwickeln. So zeigt es die neue Studie der Stiftung Familienunternehmen mit ihren fünf Hebeln für mehr Produktivität. Pro Drei-Personen-Haushalt könnten diese bis zu 21.000 Euro zusätzliche Wirtschaftsleistung bringen – und damit mehr Wohlstand.

Gestapeltes Säulendiagramm mit dem Titel „Entwicklung und Determinanten der Arbeitsproduktivität in Deutschland“. Dargestellt sind die durchschnittlichen Beiträge von Technologie und Innovation (orange) sowie der Kapitalintensivierung (grau) zum Wachstum der Arbeitsproduktivität in Deutschland nach Jahrzehnten. Grüne Punkte markieren die durchschnittliche jährliche Veränderung der Arbeitsproduktivität.

Die Arbeitsproduktivität sinkt im Zeitverlauf deutlich: von 5,2 % in den 1960er Jahren über 3,8 % (1970er), 2,4 % (1980er), 2,0 % (1990er), 0,9 % (2000er) und 1,1 % (2010er) auf nur noch 0,3 % in den 2020er Jahren. Während in den 1960er- bis 1980er-Jahren Technologie und Innovation den größten Wachstumsbeitrag leisten, nimmt dieser Beitrag im Zeitverlauf deutlich ab. Der Beitrag der Kapitalintensivierung bleibt über die Jahrzehnte vergleichsweise stabil und gewinnt relativ an Bedeutung. In den 2020er Jahren ist der Beitrag von Technologie und Innovation leicht negativ, während die Kapitalintensivierung weiterhin einen positiven Beitrag zur Arbeitsproduktivität leistet.

Hinweis: Bis 1990 beziehen sich die Daten auf Westdeutschland, ab 1991 auf Deutschland. Die Angaben für die 2020er Jahre umfassen den Zeitraum 2020 bis 2025.

München, den 17. August 2026. Seit vielen Jahren macht die Produktivität in Deutschland keine Fortschritte. Gemeint ist die Wirtschaftsleistung, die jeder Erwerbstätige im Durchschnitt erbringen kann. Sie zeigt nur 0,3 Prozent Zuwachs pro Jahr. Wie dieser bleiernen Zeit zu entkommen wäre, beschreibt die Studie „Fünf Hebel für mehr Produktivität“, erstellt vom IW Köln im Auftrag der Stiftung.

Bei beherzter Anhebung der privaten Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) ergibt sich in einer Szenario-Rechnung langfristig ein Produktivitätsplus von 13 Prozent. Bei konsequenter Nutzung und Verbreitung von künstlicher Intelligenz (KI) wären bis 2034 rund 9 Prozent drin. Innovation und KI sind auf lange Sicht die stärksten Wachstumstreiber. Kurzfristig dagegen entfaltet laut Szenario eine Bürokratiereform die durchschlagendste Wirkung: 1,6 Prozent Produktivitätsplus schon nach einem Jahr.

Die Forscher haben fünf Produktivitätshebel identifiziert und ihnen eine möglichst treffsichere Messgröße zugeordnet, die sich international vergleichen lässt. Im nächsten Schritt simulierten sie ein Aufschließen Deutschlands auf eine ehrgeizige internationale Benchmark und verknüpften dies jeweils mit realistischen Wachstumswirkungen, und zwar sowohl kurzfristig als auch längerfristig. Aus dem Ausland kommen auch fünf Beispiele für konkrete politische Maßnahmen, die einen solchen Schub auslösen könnten.

Infografik mit dem Titel „Produktivitätshebel für Deutschland“. Zwei übereinander angeordnete Kreisdiagramme vergleichen den kurzfristigen und langfristigen Beitrag verschiedener Handlungsfelder zur Produktivitätssteigerung. Dargestellt sind die Bereiche Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Innovation, Investitionen und Bürokratie.

Kurzfristig weist Bürokratieabbau mit 1,60 den größten Produktivitätshebel auf, gefolgt von Künstlicher Intelligenz (0,60), Investitionen (0,40), Innovation (0,23) und Digitalisierung (0,07).

Langfristig verschiebt sich der Schwerpunkt deutlich: Innovation (13,00) und Künstliche Intelligenz (9,30) besitzen die größten Produktivitätspotenziale, gefolgt von Bürokratieabbau (5,60) und Digitalisierung (5,20). Investitionen (0,80) tragen vergleichsweise gering zum langfristigen Produktivitätspotenzial bei.
Säulendiagramm mit dem Titel „Private FuE-Ausgaben 2024 als Anteil am BIP in Prozent“. Dargestellt ist der Anteil privater Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) am Bruttoinlandsprodukt ausgewählter OECD-Staaten. Die y-Achse zeigt Prozentwerte von 0 bis 7, die x-Achse listet die Länder auf.

Israel weist mit rund 6,3 % den höchsten Anteil auf, gefolgt von Südkorea (4,2 %) und Japan (2,9 %). Deutschland ist durch einen orangefarbenen Balken hervorgehoben und erreicht 2,1 %. Damit liegt Deutschland leicht über dem OECD-Durchschnitt von 2,0 % und im Mittelfeld der betrachteten Länder. Dahinter folgen unter anderem Großbritannien und Dänemark (je 1,9 %), Island (1,8 %), die Niederlande (1,6 %), Slowenien (1,5 %) und Frankreich (1,4 %). Die niedrigsten Werte weisen Estland, Tschechien und Irland (je 1,2 %) sowie Portugal und Kanada (je 1,1 %) auf.

Das Ausland macht es vor
Die Hebel heißen Digitalisierung, KI, Innovation, bürokratische Rahmenbedingungen und Investitionen. Die Messgrößen heißen IKT-Kapitalstock (für Informations- und Kommunikationstechnik), Anteil der KI-Nutzung bei den Unternehmen, FuE-Ausgaben, Bürokratieindex und öffentlicher Kapitalstock.

Die Wachstumswirkungen sind auf den ersten Blick überschaubar, aber machen nach nur wenigen Jahren einen gewaltigen Unterschied: pro Drei-Personen-Haushalt je nach Hebel zwischen 1.000 und 21.000 Euro zusätzliche Wirtschaftsleistung (wobei man die fünf Positionen nicht einfach addieren kann).

Das Ausland macht vor, dass die Politik nicht machtlos ist. In Frankreich gibt es für Forschungskooperationen einen Steuererlass. Schweden hält EU-Bürokratie mit einem Implementierungsrat im Zaum. Die Schweiz setzt bei Verkehrsinfrastruktur auf Werterhalt und Verfügbarkeit statt auf Neubau. – Die Szenarien verdeutlichen, welche Wachstumspfade offenstehen, wenn politische Weichenstellungen und unternehmerische Investitionen zusammenwirken, so die Forscher.

Die Produktivitätsschwäche treibt die Ökonomen seit langem um. Trotzdem muss sie kein Schicksal sein, wie die Studie des IW zeigt. Sich fokussieren, zu den Ländern der OECD aufschließen, Ideen von dort aufnehmen, ausprobieren, experimentieren – das könnte ein Turbo werden für den Wohlstand aller Deutschen.

Prof. Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen

Teaserbild © iStock / gorodenkoff

Cor­ne­lia Knust​

Leiterin Kommunikation​

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